BetVictor Blog

Mia san Underdogs. Bayern will gegen Real Madrid gegen das drohende Champions-League-Aus ankämpfen

“Arbeit”, “Mut”, “Leidenschaft”, “viel Kampf” und “ein bisschen mehr Glück”: es ist lange her, dass man den FC Bayern in Person von Karl-Heinz Rummenigge mit einer solchen Underdog-Rhetorik in ein bedeutendes Champions-League-Spiel hat gehen hören.

Rummenigges bodenständiges Erfolgsrezept für das Rückspiel im Bernabéu-Stadion verrät unfreiwillig, wie es um die Chancen auf den Einzug ins Finale nach dem 1:2 in der Münchner Allianz Arena bestellt ist. Der deutsche Meister fährt nicht (mehr) als ebenbürtiger Gegner in die spanische Hauptstadt, sondern als Außenseiter, der darauf hofft, dem normalen Lauf der Dinge  – Cristiano Ronaldo schießt ein Tor, Schiedsrichter Cuneyt Cakir pfeift dezent für die Heimelf – mit hohem Einsatz und einem Schuss Fortüne doch noch irgendwie zu entkommen. “Wir werden ein unbequemer Gegner sein”, sagte Jupp Heynckes. Das sagen auch Mannschaften wie der Hamburger SV oder Werder, bevor sie nach München fahren, um sich die erwartete Niederlage abzuholen. “Mia san Mia”, die Drei-Wörter-Chiffre für unerschütterliches Selbstvertrauen made in Bavaria, wurde schon mal größer geschrieben.

Bayerns 2:1-Ergebnis nach 90 Minuten in Madrid im Viertelfinale vor knapp einem Jahr zeigt, dass das Unternehmen nicht aussichtslos sein muss. Bis zum Platzverweis von Arturo Vidal kurz vor Ende der regulären Spielzeit waren die Münchner gegen ein schwaches Real die zwingendere Elf gewesen. Auch im Hinspiel in Fröttmaning vor einer Woche verzeichnete die Heynckes-Elf ein klares Plus an Torchancen. “Es hätte 7:2 ausgehen müssen”, erklärte Torschütze Joshua Kimmich hinterher.

Doch gerade weil die insgesamt couragierte, wenn auch spielerisch eher dürftige Leistung gegen ein bestenfalls mittelmäßiges Madrid am Ende eines seltsamen Abends nur für eine knappe Niederlage gereicht hat, flog Bayern mit einer bösen Ahnung im Gepäck in den Süden. So viele Torgelegenheiten wird Zinedine Zidanes Elf kaum ein zweites Mal zulassen, und so untermotorig nach vorne spielen wohl auch nicht. Es kann, nüchtern betrachtet, eigentlich nur schlechter werden.

Mit Blut, Schweiß und Tränen allein wird den aufreizend siegessicheren Titelträgern nicht beikommen zu sein. Um wirklich die statistische Situation zu schaffen – Bayern kam in der Champions League beziehungsweise im Europapokal der Landesmeister noch nie nach einer Heimniederlage im Hinspiel weiter – müssen die München am Tag der Arbeit nicht nur kollektiv sondern auch individuell auf weitaus höherem Level als zuletzt spielen. Beim 1:2 am Mittwoch erreichten nur Franck Ribéry und James Rodriguez Halbfinal-Niveau. Für Thiago, der voraussichtlich für den rechts außen gebrauchten Thomas Müller in die Zentrale rückt, wäre es an der Zeit, einem imminent wichtigen Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Robert Lewandowski (seit vier K.o-Spielen ohne Treffer) und Müller stehen als für gewöhnlich effiziente Vollstrecker in der Verantwortung, Rückkehrer David Alaba könnte eine überragende Leistung dringend gebrauchen. Nicht fehlender Wille oder Einsatz wird in Spanien Bayerns größtes Problem sein, sondern die fehlende Klasse der vermeintlichen Ausnahmekönner. Heynckes Team hat 90, vielleicht auch 120 Minuten Zeit, der Welt und sich selbst zu zeigen, dass sie mehr kann, als gegen die Königlichen altdeutsche Primärtugenden in die Waagschale zu werfen.