Müller-Dämmerung: Kai Havertzs Aufstieg zum Hoffnungsträger erhöht den Druck auf den Weltmeister

Kai Havertz “würde gut zum FC Bayern passen” stellte Joshua Kimmich neulich fest. Das war zwar keine besonders kühne Behauptung, ließ aber dennoch aufhorchen. Das Lob für den jungen Nationalmannschaftskollegen kam Kimmich gewiss nicht zufällig über die Lippen, es war wohl vielmehr strategischer Natur. Er dürfte wissen, dass sich sein Verein seit mehreren Wochen intensiv um das 19-jährige Kreativtalent bemüht.

Deutschland Training Kai Havertz

Bayern strebt im Sommer den großen Umbruch an. Gebraucht werden junge, wenn möglich deutsche Spieler mit Potenzial zur Weltklasse. Havertz erfüllt diese Kriterien; die Frage ist allerdings, ob die Münchner derzeit auch den Ansprüchen von Havertz genügen. Deutschlands neuer Mann auf der “Zehn” wird sich Zeitpunkt und Zielklub seines auf Sicht unvermeidbaren Wechsels in die Elite mit der gleichen Sorgfalt überlegen, mit der er hinter den Spitzen die Bälle verteilt. Für die Adresse “Säbener Straße” spricht dabei momentan eher weniger, weil der Rekordmeister sich unter Niko Kovac schlecht als Mannschaft des flüssigen Kombinationsfußballs und der Förderung von aufstrebenden Junggenies positionieren kann. Dass niemand weiß, ob der Kroate im Sommer noch auf der Bank sitzt, macht die bayerische Selbstvermarktung gegenüber möglichen Verstärkungen nicht leichter.

Der zunehmende Einfluss von Havertz macht es Müller schwerer, seine angestammte Rolle zu verteidigen

Thomas Müller Deutschland - Russland

Ob der Leverkusener letztlich den Weg in die Allianz Arena findet, ist momentan noch völlig offen. Klar ersichtlich ist aber, dass Havertzs Aufstieg zum Nachlassverwalter von Mesut Özil bereits heute den Druck auf einen gestandenen Nationalmannschaftsspieler erhöht, den Kimmich in seinen Ausführungen vor ein paar Tagen womöglich schon vergessen hat. Je stärker sich Joachim Löw zu einem echten Neuanfang in der Offensivabteilung mit Timo Werner (RB Leipzig), Serge Gnabry (Bayern), Leroy Sané (Manchester City) und Havertz als Taktgeber durchringt, desto schwieriger wird es für Thomas Müller, seine Rolle als Freigeist und Wurschtler im tornahen Raum zu verteidigen. Der Münchner steht am Montagabend gegen die Niederlande vor seinem 100. Länderspiel, muss aber wahrscheinlich zunächst den Jüngeren den Vortritt lassen. Löw stellte dem 29-Jährigen zum Jubiläum nur ein Weizenbier in Aussicht, keinen Startplatz.

 

Wird Müller zum neuen Lukas Podolski?

Deutschland Training

Müller hatte, auch wenn sich daran heute niemand mehr erinnert, vor der völlige verkorksten Weltmeisterschaft eine sehr gute Saison gespielt, mit fünfzehn Toren und achtzehn Vorlagen. In Russland standen seine verzweifelten Versuche, zu Chancen zu kommen, dann aber sinnbildlich für die Schaffenskrise eines geistig und physisch viel zu behäbig gewordenen Teams. Auf den Außenpositionen ist nun wieder Tempo gefragt, falsche Neuner sind in Löws System aktuell nich vorgesehen. Müller deswegen etwas tiefer Platz finden; in Räumen, in denen sich auch der wiedererstarkte Marco Reus und jener Havertz tummeln. Dem Youngster würde es war zwar nicht gelingen, “wie ein Komet in den Fußball-Himmel zu schießen”, warnte Löw, doch für Müller ziehen dennoch so langsam dunkle Wolken auf. Das Match gegen Oranje wäre eine passende Gelegenheit für den Oberbayern zu beweisen, dass er zukünftig nicht mehr nur als Stimmungsmacher und “Energiespender” (Löw) gebraucht wird.

 

*Die Quoten waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung korrekt

Raphael Honigstein

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Football Journalist

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