In Chris Andersons und David Sallys äußerst lesenswertem Buch “Die Wahrheit liegt auf dem Platz” (rororo) erklären die Autoren anhand einer Studie aus dem Basketball, dass selbst Experten große Schwierigkeiten haben, lieb gewonnenen Weisheiten zu entsagen. Wie Tom Gilovich, ein Professor an der Cornell University, nachwies, gibt es keine objektive Grundlage für das Phänomen der “hot hand”, wonach gewisse Spieler, die einen Lauf haben, besonders gut treffen. Die Wahrnehmung entspricht schlichtweg nicht den statistischen Tatsachen: Heiße Hände erzielen nicht mehr Körbe als kalte. Wie aber verhält es sich mit Fußball-Mannschaften, die gerade alles in Grund und Boden spielen, und quasi mit jedem Schuss treffen? Die Frage stellt sich, wenn man sich die unglaubliche Bilanz von Borussia Dortmund anschaut. Allein in den vergangenen fünf Partien erzielte der Tabellenführer zweiundzwanzig Tore, insgesamt sind es bisher 33 Treffer in elf Spielen (in allen Wettbewerben). Noch verblüffender als diese Offensivmacht ist jedoch die Effizienz des BVB. Lucien Favres Team brauchte für 20 Bundesliga-Treffer aus dem Spiel heraus nur 68 Schüsse und traf noch dazu sehr oft aus vergleichsweise wenig aussichtsreichen Positionen. Der Expected-Goal-Wert, mit dem sich die wahrscheinliche Torausbeute berechnen lässt, liegt mit 10.31 fast 50 Prozent unter der tatsächlichen Ausbeute, was den nichtruhenden Ball angeht. (https://understat.com/team/Borussia_Dortmund/2018) Auch der xGA-Wert für Gegentore ist sehr viel negativer als die Zahl der echten Gegentreffer.  

Borussia Dortmund: "Ein Wiederholungstäter im Glück"

Hat die Borussia also zurzeit einfach wahnsinniges Glück im Abschluss und in der Abwehr? Diese banale Erklärung liegt nahe, greift aber doch zu kurz. Denn Favre ist Wiederholungstäter. Christoph Biermann, der Autor von “Matchplan” (Kiepenheuer & Witsch) belegte, dass der Schweizer schon als Coach von Borussia Mönchengladbach und Nizza regelmäßig besser abschnitt, als es xG und xGA annehmen ließen. Borussia Dortmund vs. AS Monaco - UEFA Champions League Gruppe A Mehrere Analysten untersuchten die eklatante Diskrepanz, begründen konnten sie diese nur zum Teil. Des Rätsels Lösung fand Biermann letztlich nicht in den Zahlen, sondern in Favres Ideen und Spielmustern. Der 60-Jährige ist ein Meister darin, die Schwächen des Gegners zu erkennen und diese mit gezielten Angriffszügen auszunutzen. Gleichzeitig verdichtet er das Zentrum vor dem eigenen Tor so gekonnt, dass selbst statistische gute Abschlussgelegenheiten des Gegners in der Praxis weniger zu Toren führen, da der Druck auf die Schützen unverhältnismäßig hoch ausfällt.  

Härtetest gegen Atlético Madrid

Am Mittwochabend wird Favres Coachingkunst der bisher größten Probe unterzogen. Dann müssen es seine Gelbschwarzen im Signal-Iduna-Park mit den notorischen Defensivspezialisten von Atletico Madrid aufnehmen. 73 Mal spielte Atleti-Torhüter Jan Oblak seit der Saison 2014/15 zu Null, im gleichen Zeitraum kassierte der Slowene nur 73 Gegentreffer. Gelingt es dem BVB auch gegen Diego Simeones beinharten Minimalisten, seine unheimliche Wirkungskraft in beiden Strafräumen zu entfalten, können die Fans das Träumen anfangen. Ihre Borussia hat mehr als einen Lauf, mehr als heiße Füße: Favre hat die Mannschaft so gut gemacht, dass sie selbst die Gesetze der Statistik einfach so wegballert.  
Quoten unterliegen Änderungen.

An der Diskussion teilnehmen