Unter Julian Nagelsmann spielt Hoffenheim erneut eine hervorragende Bundesliga-Saison. Es merkt nur niemand. Gemessen an den finanziellen Möglichkeiten der beiden Vereine müsste die Partie zwischen der TSG Hoffenheim und dem VfL Wolfsburg eigentlich eine klare Sache sein. Die Gäste sind zwar in der zweiten Saison ohne die Gelder aus dem internationalen Fußball nicht mehr der dreizehnstärkste Verein in der europäischen Umsatztabelle, wie noch 2015/16. In jener Spielzeit verdienten die Niedersachsen laut dem UEFA Club Licensing Benchmarking Report 236 Millionen Euro, mehr als Atletico Madrid (229 Millionen), AC Milan (222 Millionen),  AS Roma und Schalke 04 (beide 219 Millionen). Mit 190 Millionen Euro Umsatz in der abgelaufenen Saison (Platz sieben in der Bundesliga) setzten die Wölfe aber immer noch 72 Prozent mehr die Kraichgauer um, die mit 110 Millionen im nationalen Geld-Ranking nur auf dem zwölften Platz stehen. Angesichts dieses beachtlichen finanziellen Vorsprungs sollten die Gäste Favorit auf einen Sieg am Samstag sein, nicht ein 4,75 Außenseiter. Wolfsburg Gewinnt

Absturz ins Mittelmaß

Dieser kleiner Blick auf die Bilanzen verdeutlicht, wieviel bei dem abstiegsgefährdeten VW-Team derzeit im Argen liegt; nicht einmal der Hamburger SV macht aus derart üppigen Mitteln so wenig. Der Vergleich mit der eher durchschnittlich alimentierten Mannschaft aus Hoffenheim zeigt aber auch, dass die allgemein als unbefriedigend wahrgenommen Saison in der Rhein-Neckar-Arena im Grunde auch in dieser Saison äußerst positiv verläuft. Julian Nagelsmanns Elf, aktuell auf Platz sieben, erzielt unverhältnismäßig gute Ergebnisse - insbesondere wenn man bedenkt, dass mit Sandro Wagner vor zwei Monaten der wichtigste Stürmer von Bord gegangen ist. Hamburger SV at Volksparkstadion Von einem “Absturz ins Mittelmaß”, wie die Stuttgarter Zeitung nach dem 1:1 gegen Freiburg vor vierzehn Tagen schrieb, kann also faktisch nicht die Rede sein. Im Gegenteil: mit einem Sieg gegen den VfL könnte Hoffenheim auf Platz sechs vorstoßen, den RB Leipzig überholen und sich berechtigte Hoffnungen auf einen Startplatz in der Europa League machen. Wahrscheinlich reicht in diesem Jahr bereits Platz sieben für eine Teilnahme im kleineren der beiden Europapokal-Wettbewerbe, da die vier DFB-Pokalhalbfinalisten allesamt im oberen Tabellendrittel stehen. Die gedämpfte Stimmung im Kraichgau wirkt vor diesem einigermaßen Hintergrund rätselhaft.  

Die Schuldfrage

Schuld trägt in erster Linie wohl Nagelsmann selbst, der mit dem sensationellen vierten Platz im Mai 2016 übertriebene Erwartungen befeuerte, die das Team nach den Abgängen von Niclas Süle und Sebastian Rudy nicht erfüllen konnte. Platz vier in der Europa-League-Gruppe hinter Braga, Ludgorets und Basaksehir war zweifelsohne blamabel, aber die mit der Doppelbelastung verbundene Regression zur Mitte in der Liga hatten nicht wenige erwartet. In der Süddeutschen Zeitung war vor Saisonbeginn spekuliert worden, wie es der FC Bayern anstellen würde, seinen Fans einen Trainer zu verkaufen, der womöglich von Platz zwölf an die Säbener Straße wechseln würde. Dieses Problem stellt sich nun nicht mehr. Die Münchner sind von der Verpflichtung des 30-Jährigen ebenso abgerückt wie die Kollegen aus Ostwestfalen, zumindest nach aktuellem Kenntnisstand. Nagelsmann sei noch zu unerfahren, einen Großklub zu trainieren, heißt es an beiden Standorten hinter vorgehaltener Hand. In Hoffenheim müsste man dankbar sein, dass der Hype um den 30-Jährigen fürs erste abgenommen hat, aber es wirkt fast so, als ob den Trainer das vorläufige Ende der Spekulationen um einen Wechsel in die obere Etage mehr nervt. Seine teilweise gereizten Äußerungen in den vergangenen Wochen lassen vermuten, dass er seine  - rein objektiv - immer noch erstaunlich gute Arbeit nicht ausgiebig gewürdigt sieht.

Ein Opfer der Konstanz

Mit durchschnittlich 1.4 Punkten pro Spiel würde die TSG am Ende der Serie bei 48 Zählern landen. Seit dem Aufstieg in die Bundesliga vor zehn Jahren war der Verein nur zwei Mal besser: in der bis zur Winterpause famosen Debütsaison unter Ralf Rangnick (52 Punkte; 2008/09) und vor zehn Monaten, mit Nagelsmann auf der Bank (62 Punkte). Kein TSG-Trainer hat es bisher vermocht, langfristig derart erfolgreich zu sein. Nagelsmann ist, wenn man so will, ein Opfer seiner eigenen Konstanz: man hat sich anscheinend daran gewöhnt, dass sein Team überplanmäßig viele Punkte holt.
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