Seit Dienstagabend war überall auf der Welt endlich mal wieder von Bayer 04 Leverkusen die Rede. Zumindest indirekt. Die Werkself war ja 2002 der Gegner von Real Madrid im Champions-League-Finale gewesen - in der Partie, in der Zinedine Zidane jener spektakulär-schöner Treffer gelang, mit dem nun allerorten Cristiano Ronaldos Fallrückzieher aus dem 3:0-Sieg gegen Juventus verglichen wurde.
Alle erinnern sich an den Kunstschuss des Franzosen zum 2:1-Erfolg der Königlichen in Glasgow, aber kaum jemand daran, dass Leverkusen im Hampden Park die überlegene Mannschaft gewesen war und mit seinem traumhaften Angriffsspiel die Renaissance des deutschen Vereinsfußballs um mehr als zehn Jahre vorweggenommen hatte.  
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Vielleicht wird Bayer bald auch aus aktuellerem Anlass zurück in den internationalen Fokus rücken. Auswärtsspiel bei dem um einen Punkt besseren Viertplatzierten RB Leipzig am Montagabend könnte sich entscheiden, ob das Team von Heiko Herrlich nach einem Jahr Abstinenz wieder die Chance erhält, es in der kommenden Saison den Champions-League-Helden von 2002 gleich zu tun und die europäische Elite ein wenig aufzumischen. Die Qualifikation für die Königsklasse würde auf jeden Fall Julian Brandts Aussage unterstreichen, wonach in der Bay-Arena “etwas Supergroßes heranwächst”. Tatsächlich muss man Brandts Vertragsverlängerung bis 2021 als “großartigen Erfolg” für Bayer zu werten, wie Geschäftsführer Michael Schade am Mittwoch betonte. Der 21-Jährige hatte mehrere Angebote von Topklubs aus In- und Ausland vorliegen. Nach Kapitän Lars Bender und Innenverteidiger Jonathan Tah sprach damit ein dritter Leistungsträger seinem eigenen Verein das Vertrauen aus. 
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Obwohl Leverkusen zuletzt ein wenig die Durchschlagskraft in der Offensive abhanden gekommen war - in fünf von acht Spielen blieb 04 ohne Torerfolg - fiel Herrlichs Elf in der laufenden Saison als eine von wenigen Mannschaften mit gepflegtem Kombinationsfußball in der gegnerischen Hälfte auf. Flügelstürmer Leon Bailey (neun Tore) ist die Entdeckung der Bundesliga-Saison, dazu hat die vielgelobte Scouting-Abteilung von Bayer mit dem Argentinier Lucas Alario (sieben Treffer)  augenscheinlich nach Arturo Vidal, Paulo Sergio, Jorginho und einem Dutzend Anderer den nächsten südamerikanischen Top-Mann an den Rhein gelockt.
  Obwohl das Team insgesamt nicht ganz die Klasse und Erfahrung der 2002er-Truppe um Michael Ballack, Dimitar Berbatov, Bernd Schneider, Lucio, Ze Roberto und Yildiray Bastürk hat, wäre es keine Überraschung, wenn Bayer am Ende unter den letzten Vier landen würde. Die entscheidende Frage ist jedoch, was danach passiert. Im Gegensatz zu 2002, als die Mannschaft zwei Spielzeiten nahezu unverändert zusammen spielte, ist der Verkaufs-Druck auf Mittelklasseteams wie Leverkusen gehörig gestiegen. Vertragsverlängerungen garantieren im Zweifel höhere Ablösesummen, aber nicht zwangsläufig den Verbleib der angehenden Stars. Wenn schon der der zweitgrößte Klub der Bundesliga, Borussia Dortmund, und das von vielen Red-Bull-Millionen alimentierte Leipzig ihre besten Spieler nicht halten können, dürfte es für das vergleichsweise bescheidener aufgestellte Leverkusen umso schwieriger werden, sich dauerhaft in der Tabellenspitze zu etablieren. Erfolg ist im globalisierten Fußball immer ein zweischneidiges Schwert. Bayer selbst weiß das nur all zu gut: nach der spektakulären 2002-Saison verlor es auf einen Schlag fast sämtliche Leistungsträger und spielte seitdem in der Meisterschaft keine Rolle mehr.  
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