Mehr eigene Jungs als anderswo „Erster“ Ausbildungsverein Gegner Paderborn will in Zukunft mehr Freiburg sein   Gefühlt suchen „kleinere“ Fußballklubs seit Jahrzehnten nach neuen Wegen, um im Kampf gegen die Großen irgendwie zu überleben oder gar nach oben zu kommen. Mancher setzte auf abenteuerliche Sponsoren oder auf extrovertierte Ex-Stars, die man zu Trainern machte. Die Versuche gingen meistens nicht gut. Wer ein Gegenbeispiel sucht, der landet beim SC Freiburg. Und immer dort. Der Klub aus der südwestlichsten Ecke des Landes hat es meist anders angepackt. Anders zu sein, cleverer vielleicht, Nischen zu suchen, nicht so aufgeregt wie alle anderen – daraus hat der SCF ein Erfolgsrezept gemacht vier Ab- und fünf Aufstiege und Europapokalteilnahmen inklusive.  

Abstiege sind keine Katastrophe

Dass die Freiburger keiner eine Fahrstuhlmannschaft nennt, liegt an der Art wie die Badener mit Misserfolgen umgehen. Abstiege sind dort keine Katastrophe, die panische Reaktionen auslösen. Wenn’s passiert, steigt man eben wieder auf – wenn es geht. Und zwar mit den gleichen Leuten auf dem Trainerposten oder Präsidentenstuhl. Seit 1972 gab es zwei Präsidenten und seit 1991 vier Cheftrainer. Kein anderer kann diese Konstanz bieten. Sich auszuruhen und das bisher Erreichte zu verwalten kam für keinen, der Präsidenten oder Trainer in Frage. Achim Stocker (1972 – 2009) streifte durch die Vorgärten der Anwohner an der Schwarzwaldstraße neben dem Stadion, um den Müll aufzusammeln. Man wollte ja gut mit den Leuten neben der kleinen Arena mitten im Wohngebiet auskommen.  

Freiburg soll den DFB retten

Sein Nachfolger Fritz Keller ist erfolgreicher Winzer und Gastronom mit einem Sterne-Restaurant – und nun bald der, der den Deutschen Fußball-Bund als Präsident aus der Krise führen soll. Nach den Turbulenzen um die WM-Vergabe 2006 braucht der Verband Integrität und Weitsicht Made in Freiburg. Fritz Keller SC Freiburg Mit dem dicken Geldkoffer durch die Lande zu ziehen, um neue Spieler zu kaufen war stets unmöglich. Was blieb war, sich geeignete Konzepte auszudenken. 1990 ist der SCF der erste Klub, der sich als Ausbildungsverein positioniert. Talente auszubilden gehört zur DNA.  

Streich ewiger Trainer des Jahres

Christian Streich ist der Erz-Freiburger. Leidenschaftlich, impulsiv, kauzig, nach vorne blickend. Seit 1995 ist er im Verein. Zuerst als Nachwuchscoach, seit 2012 als Cheftrainer. Streich verlangt Laufarbeit, druckvolles Spiel und Leidenschaft. Christian Streich SC Freiburg Ex-BVB- und Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld wollte ihn am liebsten jedes Jahr zum Trainer des Jahres machen, weil auch er aus wenig viel macht, meistens jedenfalls. Streich war schon da als Volker Finke die kurzpass-spielenden Breisgau Brasilianer erfand. Und, als 2005/2006 die jüngste Mannschaft aller 36 Profiklubs aus Freiburg kam. 2009 schafften es 12 Spieler aus der eigenen Fußballschule in den Profikader. 2012 werden acht Jungkicker aus dem eigenen Nachwuchs regelmäßig in der ersten Liga eingesetzt – mehr als in jedem anderen Profiklub.  

Besonderer Wohlfühlfaktor

Acht „Eigene“ erreichen 2013/2014 ein Unentschieden gegen den großen FC Bayern, wo man seit Jahren ein freundschaftliches Verhältnis zu den Freiburgern pflegt. SC Freiburg Ömer Toprak (Leverkusen, Dortmund, Bremen) war ein Streich Schützling ebenso wie Oliver Baumann (TSG Hoffenheim). Die Liste seiner Ausbildungserfolge ist lang. Die, die heute das SC-Trikot tragen berichten von einem besonderen Wohlfühlfaktor und einem familiären Feeling. Klein, aber gut aufgestellt. Nils Petersen zum Beispiel. Der 30-Jährige wurde im SCF-Trikot zum deutschen Nationalspieler. „Ich traue uns einiges zu in dieser Saison“, sagt der Stürmer. „Aber wir schauen immer nach drei, die hinter uns stehen.“ Das gehört in Freiburg dazu. Auch am Wochenende, wenn Freiburg beim Aufsteiger Paderborn antritt. Der Klub, der nur knapp dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit entging, sensationell mit einem kernigen, bodenständigen Trainer zurückkehrte und von nun an ein bisschen mehr Freiburg sein will als früher.  
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