Wird am Samstagabend zum Halali geblasen? “Bevor die Uhr ausgeht, jagen wir euch durch die Stadt!” hatten vor acht Wochen Teile der HSV-Ultras den eigenen Spielern vor dem Match gegen Bayer 04 Leverkusen gedroht. Motivierend wirkte diese Ansage verblüffenderweise nicht: die Partie ging mit 1:2 verloren. Einen Monat später, in Anschluss an eine weitere 1:2-Heimniederlage (gegen Hertha BSC), wollten ein paar aufgebrachte Idioten im Volksparkstadion sogar die Kabine der Mannschaft stürmen. Der Hamburger SV war nach mehreren Fehlversuchen in den vergangenen Jahren tatsächlich ganz unten angekommen - am Ende. Die hanseatische Selbstzerfleischung hatte eine Stufe erreicht, an der die allgemeine Schadenfreude über die dauerhaft tölpelhafte Vereinsführung und die konstant ungenügenden Vorführungen der Belegschaft so langsam dem aufrichtigen Mitleid wich. Falls der schwer angeschlagene Ex-Spitzenklub aus dem Norden sich am letzten Spieltag nicht doch noch mit einem Sieg gegen Borussia Mönchengladbach und einem kommoden Ergebnis in Wolfsburg - wo der VFL gegen Absteiger 1. FC Köln verlieren muss - in die Relegation retten sollte, werden sich außerhalb der Stadt Spott und Anteilnahme zunächst die Waage halten. Der überwiegende Teil der Anhängerschaft kann nichts für die Inkompetenz der Akteure auf und neben dem Rasen, vom unheilvollen Engagement von Investor Klaus-Michael Kühne ganz zu schweigen. Der HSV, im Selbstverständnis ein europäischer Top-Verein in Wartestellung, müsste sich nach dem Abstieg eingestehen, dass er einstweilen nur zum nordischen Äquivalent des 1. FC Nürnberg taugt. “Der Club is a Depp”, sagt man in Franken. Zu so einem selbstironisch-entspannten Umgang mit der eigenen Unzulänglichkeit wird man - zumindest temporär - wohl auch an der Elbe finden. Hamburger Der Gang ins Unterhaus kann auf Grund der hohen finanziellen Einbußen keine Garantie für einen erfolgreichen Neuanfang sein; “Gesundschrumpfen” klingt nur in der Theorie gut. Die zweite Liga bietet jedoch die Chance einer überfälligen Erdung, eines Rückbaus der Hybris. Ohne das abgenudelte Dinosaurier-Pathos und die im Grunde rückwärts tickende Uhr im Stadion könnte der Klub such darauf konzentrieren, sich zur Abwechslung mal über das Hier und Jetzt zu definieren. Mit Christian Titz auf der Bank sind die Aussichten dafür auch gar nicht mal schlecht. Der 47-Jährige scheint die Mischung aus taktischem Knowhow und Menschenführung besser hinzubekommen als die meisten seiner Vorgänger. Den Fans am Trainingsgelände ein Eis zu spendieren, war ein kleiner, aber sehr cleverer Trick; die Idee, den Anhang im Zuge einer öffentlichen Einheit am Vatertag mit ins Boot zu nehmen, genial. 2000 Zuschauer säumten am Donnerstag das Areal, und die Stimmung war positiv wie selten in den vergangenen Jahren: anstelle von Schuldzuweisungen stand ein produktives Zusammenrücken. Man darf gespannt sein, ob dieser familiäre Spirit die 90 Minuten am Samstag überdauert. Falls es dem Klub und seinen Anhängern  jedoch gelingen sollte, zukünftig wieder eine Einheit zu bilden, und Frust und Wut in eine kollektive “Jetzt erst recht”-Trotzreaktion zu verwandeln, wäre das auf Sicht vielleicht sogar mehr wert als ein neuerliches Wunder. Ein HSV, der mit sich selbst im Reinen ist, frei von überzogenen Ansprüchen und der Last eines überkommenen Alleinstellungsmerkmals, könnte dann als heimlicher Gewinner aus dieser historisch schlechten Saison scheiden.  
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