Borussia Dortmund hat Kontakt zu André Villas-Boas aufgenommen, berichten heute Medien aus In- und Ausland. Der Fall liegt aber wahrscheinlich eher andersherum. Für den Portugiesen, der sich seit seinem Abschied vom chinesischen Super-League-Verein Shanghai SIPG im November 2017 die Zeit als Hobby-Rallye-Fahrer vertrieben hat, ist Dortmunds Trainersuche eine prima Gelegenheit, mal wieder ins Gespräch zu kommen; echte Aussichten auf das Amt im Signal-Iduna-Park dürfte der 40-Jährige aber nicht haben. Der Wunschkandidat bei den Schwarz-Gelben ist und bleibt Lucien Favre. Der Schweizer war schon nach Thomas Tuchels Demission vor einem Jahr ins Visier der BVB-Bosse geraten, konnte damals aber nicht die Freigabe von OGC Nizza erhalten. An der Côte D’Azur will man den 60-Jährigen dem Vernehmen nach jetzt doch ganz gerne gehen lassen. Platz sieben in der Tabelle genügen den Ansprüchen nicht. Der Weg nach Westfalen wäre frei. Mit dem Bundesliga-erfahrenen Mann aus Saint-Barthélemy würde ein Trainer vom Typ “Bessermacher” in Brackel Quartier beziehen, ein detailversessener Spiel- und Spieler-Optimierer, der bei der übermäßig begabten Truppe mit Sicherheit viel verschütt gegangenes Potenzial zu Tage fordern könnte. Peter Bosz radikal-naives Pressing-System hatte die Mannschaft völlig überfordert und verunsichert, Peter Stögers tiefen-entspannte Reparatur-Arbeit zwar das Schlimmste verhindert, aber nicht den geringsten kreativen Impuls gesetzt. Nach diesem verlorenen Jahr ist es höchste Zeit für einen Neuaufbau. Da Dortmund trotz der von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke immer mal wieder geäußerten Sehnsucht nach Haudegen der alten Schule allein schon aus finanziellen Gesichtspunkten kaum von seinem Jugend- und Talentkonzept abweichen kann und stand heute exakt den Kader hat, der nach akribischer Feinjustierung schreit, ist Favre der Richtige. Nachwuchsstars sowie leicht aus dem Tritt gekommene Profis (zum Beispiel André Schürrle) würden unter seiner extremst peniblen Anleitung - “Hier bitte einen Meter weiter links stehen, dort bitte den bei der Annahme den Fuß leicht drehen” - voraussichtlich große Fortschritte machen. Dortmund kann es nur so schaffen, wieder näher an den FC Bayern heran zu rücken - und gleichzeitig den Wert des Kaders steigern. Seit dem Abschied von Tuchel hat kaum ein Spieler beständig am oberen Rand seiner Möglichkeiten gespielt oder gar ein neues Niveau erreicht. Favre Favre, der seine Vorgesetzten bei Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach mit seinem perfektionistischen Ansatz regelmäßig kirre machte, wird in Dortmund für gemeinsame Skat-Abende eher nicht zu haben sein; er ist mehr Tuchel als Jürgen Klopp. Falls die Wahl tatsächlich auf ihn fallen würde, würde die Borussia interessanterweise den entgegengesetzten Kurs zu den Bayern fahren. Während Niko Kovac seine Anstellung zum großen Maße seiner früheren FCB-Vergangenheit verdankt und für eine familiäre Atmosphäre sorgen soll, steht Favre in doppelter Hinsicht für einen rationaleren Ansatz. Anstelle von Emotionen und olfaktorische Voraussetzungen (“Stallgeruch”) treten bei ihm Ideen. Gleichzeitig wäre seine Engagement in gewisser Weise auch ein Eingeständnis, das Dortmund kurzfristig denken muss. Favre mag ob seiner komplizierten, kompromisslosen Art keine Dauerlösung sein, würde aber über ein, zwei Spielzeiten besseren Fußballs und die dazugehörigen Ergebnisse nahezu garantieren. Das bringt dem Verein im Zweifel mehr, als auf der Suche nach dem ganz großen, zukunftsträchtigen Wurf eine weitere Saison zu in den Sand zu setzen. Das Trainergeschäft ist wie der Fußball selbst schneller geworden. Für einen 1B-Spitzenklub wie die Dortmunder wird es deswegen zunehmend schwerer haben, Übungsleiter zu beschäftigen, die mehr als zwei Jahre auf der Bank sitzen. Sie sind dafür entweder zu gut  - oder besser im Wüsten-Jeep aufgehoben.
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