Wenn ein Verein 12 Trainer in elf Jahren braucht, davon sechs in den vergangenen viereinhalb Jahren – ist wohl einiges unglücklich gelaufen. Dass der HSV immer noch ein großer Klub ist, glauben selbst in Hamburg leider immer weniger. Als es die vergangenen Jahre mit schlotternden Knien in die Relegation ging, ließ eine Tageszeitung noch Aufkleber mit aufmunternden Botschaften für die „Unabsteigbaren“ drucken. 2018 titelte das selbe Blatt: Dann steigt doch einfach mal ab! Nun ist er beim Gründungsmitglied der Liga gelandet, das als einziger Verein niemals abstieg, obwohl man sich zuletzt so viel Mühe gab: Bernd Hollerbach. Der nächste Feuerwehrmann?  

Die Holler Axt

Hamburg Metzgerssohn, einst gefürchteter Linksverteidiger mit 95 gelben Karten in 222 Spielen und vor allem Liebling der Fans. „Holler-Axt“. Sein berühmtester Spruch: „Mag sein, dass entweder der Ball oder der Gegner an mir vorbei kommen – aber niemals beide zusammen.“ Ob der raubeinige Hollerbach ein weiterer Akt der Verzweiflung einer überforderten Funktionärsriege ist, wird sich in den verbleibenden 15 Spielen zeigen. Was der entlassene und zu nachsichtige Markus Gisdol verlangte  - schnelles Umschaltspiel - überforderte die HSV-Kicker jedenfalls. Anstelle von halbgarer Fußballkultur soll unter Hollerbach solides Handwerk treten. Vor dem ersten Endspiel in Leipzig am Samstag wird zweimal am Tag trainiert (sechs mal 1000 Lauf oder fünf mal 900 Meter) und gemeinsam gefrühstückt. Arbeitstag: von morgens acht bis abends um fünf. Die bei Gisdol Aussortierten (Lewis Holtby und Walace) kehren zurück, auf dem Trainingsrasen sieht man die Männer in den blauen Trainingsanzügen Liegestützen machen und fragt sich: Ist es nicht doch Felix Magath, der den HSV trainiert? Ja,  Hollerbach ist Magath – ein bisschen jedenfalls. Fünf Jahre dessen Assistent zu sein (deutscher Meister 2009 mit Wolfsburg), das hinterlässt Spuren.   Der leibhaftige Magath musste es nach Geschmack der zusehends verzweifelten Klubführung dann doch nicht sein, Hollerbach ist schon Gegenteil genug zu Gisdol. Die gefrustete HSV Fan-Gemeinde wartet nun auf das „Wunder von Bernd“ (Süddeutsche) und die mitreißende Aufbruchstimmung, die man im Norden der Republik nur noch vom Hörensagen kennt. Aber selbst die Klub-Ikone wie Uwe Seeler glaubt, Hollerbach sei genau der Richtige.

Die Funktionärsfrage

Hamburger SV Wer in Hollerbach einen sturen Schleifer (Quälix) sieht, könnte sich tatsächlich täuschen. Bei ihm gibt immer oft auch einen Plan B. In Leipzig sollen eine flexible Abwehr-Dreierkette Sicherheit und mehr Mut  in der Offensive die Wende bringen. Im Hintergrund bliebt derweil aber vieles wie es war. Das Gerangel der Funktionäre  - in Hamburg “Räte” genannt, als sei es ein qua Geburt verliehener Adelstitel - um Posten    sorgt dafür, dass keine Ruhe in den nicht mit übermäßiger Fußballkompetenz geschlagenen Verein kommt.   Der HSV hängt weiter von den Zuwendungen des Milliardärs Klaus-Michael Kühne ab – und der Job von Manager Jens Todt (der HSV wechselte den Manager fast so oft wie seine Trainer) ist in Gefahr. Ein Schuldiger muss her, falls die Sache doch schief geht. Und was sagen Felix Magath und Hollerbach? Der HSV wird nichts mit dem Abstieg zu tun haben, dank der klaren Kante, die der Neue ins Spiel bringt, meint Magath. Und Holler-Axt? „Vorstellen muss ich mich hier ja wohl nicht.“ Er glaube im Übrigen mehr an die Chancen als an die Risiken – und an seine bodenständige Trainingsmethoden.  Mancher Spieler seiner früheren Vereine berichtete, trotz des beinharten Trainings sei niemals einer gestorben. Dabei hatte Hollerbach vor jeder Einheit angekündigt: „Am Ende werden die Toten gezählt.“
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