Am Freitagabend feiern im Borussia-Park beide Trainer ein Wiedersehen mit ihrer fußballerischen Vergangenheit. Dieter Hecking, der Borussia-Mönchengladbach-Coach, saß von 2012 bis 2016 auf der Bank des VfL Wolfsburg, und Wölfe-Boss Bruno Labbadia betreute die Fohlen im Jahre…. Moment mal. Stimmt gar nicht. Labbadia war bei Bayer 04 Leverkusen, beim Hamburger SV (2x), beim VfB Stuttgart und arbeitet nun in der Autostadt. Ein Engagement bei der Borussia fehlt ihm noch im Lebenslauf. Aber das kann ja noch kommen.

Unzufrieden mit dem Teufelskreis

In Gladbach steigt nämlich langsam, aber sicher die Unzufriedenheit mit Heckings Resultaten. Der ehemalige Polizeibeamte erwies sich nach seiner Amtsübernahme im Dezember 2016 zunächst als vorzüglicher Feuerwehrmann; mit seiner Hilfe entkam die Borussia dem Abstiegskampf und beendete die Saison auf einem komfortablen neunten Platz. Ein ganz ähnliches Ergebnis bahnt sich für den Tabellenachten auch in der laufenden Spielzeit an, doch damit wird das talentierte Team um Kapitän Lars Stindl klar hinter den Erwartungen bleiben. Den Gladbachern droht nach der gefeierten Champions-League-Teilnahme 2016/17 ein zweites Jahr Europapokal-Verzicht und somit ein kleiner Teufelskreis: der Verein hat es ohne die zusätzlichen Gelder aus Nyon weitaus schwerer, eine Mannschaft zusammen zu stellen, die sich für den internationalen Wettbewerb qualifizieren kann. Zudem geht der Trend eindeutig in die falsche Richtung. Im Kalenderjahr 2018 hat die Borussia sieben von dreizehn Spielen verloren. Nur der HSV war schlechter.  Matthias Ginter of Moenchengladbach (r) is handed a piece of paper by Dieter Hecking, coach of Moenchengladbach  

Überzogene Kritik

Hecking, 53, fand die Kritik an seiner Arbeit vor dem Besuch seines Ex-Klub überzogen. “Es wird alles sofort vermischt”,  sagte er, “ich wehre mich dagegen, dass die ganze Saison als ‘indiskutabel” hingestellt wird.” Das wäre auch nicht gerechtfertigt. Hecking kann zurecht auch auf eine lange Liste von Verletzten verweisen, die der Mannschaft insbesondere nach der Winterpause fehlten. Sportdirektor Max Eberl, der dem Coach am Donnerstag eine knappe, aber deutliche Job-Garantie aussprach (Wird Dieter Hecking auch im nächsten Jahr Trainer sein? “Ja”), glaubt zwar, dass “kein radikaler Umbruch” vonnöten sein wird, doch seine Ankündigung einer “ausführlichen Analyse” im Sommer sollte Hecking aufhorchen lassen. Die Arbeit des Übungsleiters wird auf den Prüfstand kommen.

Durchschnitt und ein passiver Ansatz

Hecking kam in 47 Spielen auf 68 Punkte, das entspricht einem Schnitt von 1,44. Das ist weder eine katastrophale Bilanz, noch richtig gut. Durchschnitt eben. Gladbach musste in der laufenden Saison den Abgang von Leistungsträgern wie Mahmoud Dahoud (BVB), André Hahn (HSV) und Chelsea-Rückkehrer Andreas Christensen kompensieren, aber ein paar Siege mehr hätte Hecking mit seiner Truppe durchaus holen dürfen. Eine übergeordnete Idee ist schwerlich zu erkennen; Gladbachs Spiel wirkt ein bisschen beliebig, da der Trainer seinem Team auf dem Platz  - vornehm ausgedrückt - viele Freiheiten lässt. Ob dieser vergleichsweise passive Ansatz noch reicht, um mit einem guten, aber nicht überragenden Kader in einer zunehmend von taktischen Tüftlern dominierten Liga ins obere Tabellendrittel vorzustoßen, ist die große Frage, die zu es zu klären gibt. Eberl muss sich  auch Gedanken machen, ob die Qualität der Spieler grundsätzlich ausreicht, um auf den europäischen Plätzen zu landen. Die Sehnsucht auf den Rängen nach einem aggressiveren, moderneren System, das die Mannschaft  über ihr eigenes Niveau hebt, wird definitiv noch größer werden, falls Gladbach die verbleibenden vier Spiele gegen Wolfsburg, Freiburg, Schalke und den HSV abschenken sollte. Stagnation kann man sich am Niederrhein auf Dauer ebenso wenig leisten wie der VfL Wolfsburg, der mit seinem  für Bundesliga-Verhältnisse sehr teuren Ensemble nicht noch ein Jahr gegen den Abstieg spielen kann. Labbadia sitzt 2018/19 wohl eher nicht auf der selben Bank wie Hecking heute, dafür aber im selben Boot. Auch er muss beweisen, dass er nicht nur zum Retter taugt, sondern eine Elf zu nachhaltig zu Bestleistungen inspirieren kann.
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