Das katastrophale Abschneiden der Königsblauen macht grundlegende Veränderungen unabdingbar. S04 braucht neben einer guten Führungsriege vor allem ein neues Vereinskonzept.  Anstelle von Einsatz und Härte sollte man sich an der Kunst und Eleganz der goldenen Jahre des Vereins orientieren.    Schalke 04 braucht unabhängig vom Ergebnis im Revierderby am Samstag in der kommenden Saison mal wieder ein Reboot, das gefühlt fünfte in zehn Jahren. Ein neuer Trainer und neuer Sportdirektor/Kaderchef/Teammanager (unter Sportvorstand Jochen Schneider) müssen den Klub nach einer desolaten Saison wieder ins obere Drittel der Tabelle führen - schlimmstenfalls sogar zurück in die erste Liga. Ein derartiger Zusammenbruch war zu Beginn der Spielzeit nicht vorhersehbar gewesen, zumindest nicht für diesen Autor. Klar, die Königsblauen waren in der Vorsaison nur mit ziemlich viel Glück und recht unansehnlichem Defensivfußball Zweiter geworden, dem Kader fehlte auch 2018/19 eine Prise Kreativität, Verletzungen von wichtigen Spielern taten ihr Übriges. Dass deswegen aber gleich der ganze Laden in die Luft fliegt, der große Hoffnungsträger und erwiesene Fachmann Christian Heidel entnervt hinwirft und Coach Domenico Tedesco gar nichts mehr einfällt, war aber dann doch eine sportliche Sensation im äußerst negativen Sinne. Ein deutscher Champions-League-Teilnehmer verlor zuletzt 2003 so krass den Faden. Damals spielte Bayer 04 Leverkusen nur ein Jahr nach der Teilnahme im Europapokal-Endspiel gegen Real Madrid (1:2 in Glasgow) gegen den Abstieg und wurde am Ende der Serie Fünfzehnter. Besser wird es für Schalke in diesem Jahr auch nicht mehr werden.  

Alles muss sich ändern

Der Umbau wird wohl extremer ausfallen müssen, denn wenn man den Andeutungen von Huub Stevens Glauben schenken mag, fehlt es quasi dem halben Kader an der nötigen Einstellung. „Ich kann und darf nicht alles ehrlich sagen”, erklärte der Niederländer am Donnerstag.  “Das kommt vielleicht noch, dass ich das sage. Vielleicht intern, vielleicht auch öffentlich. Ich weiß es noch nicht.” Merkwürdigerweise war dies im Vorjahr kein Problem gewesen, von der im Boulevard thematisierten Grüppchenbildung war ebenfalls nie die Rede gewesen. Zum klassischen Misserfolgs-Thesen-Bingo fehlt jetzt nur noch, dass Stevens der Mannschaft mangelnde Fitness unterstellt. Huub Stevens Schalke 04 Es ist eigentlich kaum zu erklären, dass der in vielerlei Hinsicht drittgrößte Klub Deutschlands es nicht schafft, dauerhaft auf höchstem Niveau zu kicken und auch nicht ansatzweise an die Konstanz der gelbschwarzen Nachbarn herankommt. Geld genug für einen schlagkräftigen Kader wäre ja da, dazu liefert die Knappenschmiede einigermaßen zuverlässig neue Talente aus der einheimischen Produktion nach. Was fehlt, ist ein Trainer mit Format, Schwung und zeitgemäßer Spielidee, der Spieler und Teams nachweislich besser macht und den ganzen Verein in Bewegung setzt. Der nun von einigen Seiten ins Spiel gebrachte Dieter Hecking erfüllt diese komplexe Checklist nur bedingt. Mit dem Routinier auf der Bank wird S04 zwar wieder besser kicken, aber nicht zwingend gut genug, um den eigenen Ansprüchen zu genügen.  

Wer nur arbeitet, kommt 2019 mit seinem Spiel nicht mehr weit

Noch wichtiger als die Wahl des nächsten Übungsleiters wäre es jedoch, den wie kein Klub seiner Güteklasse zu Fatalismus und Überreaktionen neigenden Verein ideologisch zu entrumpeln. Schalke definiert sich seit dem UEFA-Pokal-Sieg der “Eurofighter” 1997 in Anlehnung an längst vergangene Ruhrpott-Romantik exklusiv über hartes Malochertum und schickt, damit das auch jeder versteht, seine Elf vor Spielbeginn durch einen Tunnelschacht aufs Feld, der genauso unecht wie das  - mit Verlaub  - wirklich dämliche Fan-Motto “Wir leben Dich” ist. Diese Überfokussierung auf Arbeit und Einsatz kommt mit Sicherheit bei Teilen des Anhangs gut an, die Fußball als kollektiven, leidenschaftlichen Kampf bis hin zur Selbstaufgabe zelebrieren, taugt aber im Jahr 2019 nicht als Anleitung für frisches, durchdachtes Spiel. Alle guten und weniger guten Vereine arbeiten hart auf dem Platz. Das darf erstens nicht mehr als die Grundlage für wirklich entscheidende Distinktionsmerkmale wie Kunst und Klasse am Ball sein und darf zweitens schon gar nicht, als übergroßes Vereins-Dogma alle anderen Themen überlagern. Im Gespräch mit dem amerikanischen Sender ESPN deutete der aus Texas nach Gelsenkirchen gewechselte Weston McKennie neulich vorsichtig an, wie schwer es ist, vor einer Kulisse zu kicken, die mangelnde Darbietungen sofort unter den bösen Generalverdacht der Arbeitsverweigerung stellt. Schalke 04 vs. RB Leipzig Um in der Moderne anzukommen, bräuchte Schalke sich nicht einmal neu zu erfinden. Es würde schon reichen, sich auf die eigenen, sträflich vernachlässigten Wurzeln zu besinnen. In den glorreichen Zeiten vor siebzig, achtzig Jahren wurden die Königsblauen ja keineswegs mit Malochergekicke berühmt, im Gegenteil: man gewann sechs Meisterschaften mit futuristischem Ballbesitz- und Kombinationsfußball, der die meisten Gegner schlichtweg überforderte. Das Erbe des “Schalker Kreisel” ist in Vergessenheit geraten, weil es absolut nicht in die grassierende Ruhrpott-Mythologie passt, wäre aber ein vielversprechender Ausgangspunkt für die Entwicklung einer neuen und zugleich an die goldene Ära anknüpfenden Identität. Warum sollte 04 sich nicht zum Ziel setzen, wieder dorthin zu kommen, wo man einst war - als man den elegantesten, technisch versiertesten, erfolgreichsten Spielstil in Deutschland auf den Rasen brachte? Fußball darf auch in Arbeiterstädten schön und kunstvoll sein, er darf eskapistisch glänzen und strahlen. Von der Idee, dass Fußball sozusagen als Bergbau mit anderen Mitteln funktioniert, sollte sich Schalke dagegen endlich verabschieden. Der Ball rollt nicht besser, wenn man ihn mit falschem Kohlenstaub überzieht.  
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