Die Dortmunder-Frisuren-Affäre zeigt, dass sich der Glaube an übernatürliche Kräfte im Fußball bester Beliebtheit erfreut. Sportler klammern sich an Rituale, auch wenn deren Wirksamkeit zweifelhaft erscheint. Uli Hoeneß berüchtigte Psychospielchen gehören ebenfalls in die Kategorie “Budenzauber”.   In Pit Gottschalks “Fever Pit”-Newsletter standen am Freitag ein paar Zeilen über den unerlaubten Friseurbesuch bei den Dortmund-Profis am Vorabend der 0:3-Niederlage und die Aussicht auf verbale Sticheleien von Uli Hoeneß im Titelkampf. Der Bayern-Präsident sei ein “Meister darin, Unruhe bei Rivalen auszulösen”, schreibt Gottschalk. Beide Themen haben auf den ersten Blick rein gar nichts miteinander zu tun und sind dabei doch nur zwei unterschiedliche Beispiele für das im Fußball weitverbreitete Bestreben, dem Glück mit metaphysischen Tricks ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Der Fachbegriff dafür heißt: Aberglaube.  

Viele Profis versuchen, mit seltsamen Verhaltensweisen das Schicksal zu beeinflussen

Zahlreiche Fußballer entwickeln über die Jahre die merkwürdigsten Rituale, um sich vor Spielen in vermeintlich leistungsfördernde Stimmung zu bringen. Tim Wiese saß auf der Busreise ins Weserstadion beispielsweise immer neben Per Mertesacker und sprach an bestimmten Stationen der kurzen Reise immer wieder die gleichen Sätze (“Heute wird es schwer” usw.) aus. Andere ziehen den linken Stutzen zuerst an oder gehen als Letzter auf den Platz. Borussia Dortmund Training Auch der Wunsch nach Haarpflege am Matchday minus one beim BVB wird wohl eher der Hoffnung auf den umgekehrten Samson-Effekt (je schnittiger, desto besser) entsprochen haben als schierer Eitelkeit. Einige Kicker hatten den Star-Barbier ja schon vor den Siegen gegen Bayern und Atletico Madrid in der Hinrunde einfliegen lassen. Was damals funktionierte, kann auch diesmal helfen, werden sich Axel Witsel und Co. gedacht haben. Ähnlich verhält es sich mit Hoeneß’ Attacken auf die Konkurrenz. Wie der 67-Jährige vor einiger Zeit zugab, legte er sich mit Werder-Boss Willi Lemke und anderen Rivalen ursprünglich aus marketingtechnischen Gründen an: der medial hochgepuschte Streit sollte Mitte der Achtziger das meist gähnend leere Olympiastadion füllen. Der Besucherschnitt bei den Roten lag damals bei 26,000 Zuschauern. Bald fing die Öffentlichkeit und vielleicht auch Hoeneß selbst an, an die Kraft der Psychospielchen zu glauben. Schließlich gab es ja genügend Beispiele. Werder (1986) und Köln (1989) ließen sich im Schlussspurt verunsichern, der 1. FC Kaiserslautern verlor 1994 im Titelrennen das Nerven, nachdem Interimscoach Franz Beckenbauer der Pfälzer Trainer Friedel Rausch als “Pfeife” verlachte. Später zog Bayer Leverkusen (2000) auf kuriose Weise den Kürzeren gegen die bekanntlich mit einem Sieger-Gen gesegneten Münchner.  

Die Mär von der Gewinner-Mentalität

Diese Geschichten datieren allerdings allesamt aus einer Zeit, als sich die Analyse von Fußballspielen oft noch in der Frage nach der stärkeren Mentalität erschöpfte. Gewinner gewannen, weil sie mehr gewinnen wollten und psychisch belastbarer waren, Verlierern wiederum fehlte das gewisse Etwas. Der Charme dieser tautologischen Beweisführung war, dass sie jeder nachvollziehen konnte. Uli Hoeneß Wer sich die Sache dann doch etwas genauer anschauen wollte, sah jedoch schnell, dass sich mit den Bayern vielleicht nicht ganz zufällig genau jener Klub am häufigsten durchsetzte, der im Vergleich mit seinen Widersachern über die größeren Gelder und somit auch die besseren Teams verfügte. Hoeneß’ psychologische Kriegsführung erschien auch nur dann meisterhaft, wenn Bayern später tatsächlich Meister wurde. In zahlreichen Fällen zeigten sich die Underdogs völlig unbeeindruckt von den Sprüchen aus München. 2003/4 wollte Hoeneß Werder “richtig niedermachen”, aber die Norddeutschen gewannen die Schale, 2006/07 war der “Nikolaus kein Osterhase”, aber der VfB Stuttgart trotzdem vorne. Weder der VfL Wolfsburg (2009) noch Jürgen Klopps Borussia Dortmund (2011, 2012) ließen sich von markigen Kommentaren aus der Bahn werfen. Dass man sich jedoch eher an die vermeintlich wirksamen Psycho-Kampagnen erinnert, liegt an einem klassischen Wahrnehmungsfehler, den sich die Bayern mühsam erarbeitet haben. Da man sie und Hoeneß mit Erfolg assoziiert, blendet das Gehirn widersprüchliche Informationen, die nicht  ins Klischee passen, einfach aus. Allein aus Aberglaube und Nostalgie wird es der Bayern-Präsident demnächst vermutlich noch einmal versuchen, die Dortmunder zu provozieren   - oder zumindest Sportdirektor Hasan Salihamidzic auf die Schwarzgelben ansetzen. Die Logik folgt dabei exakt der Körperpflege im Dortmunder Lage oder dem Einsatz von homöopathischen Mitteln: die Wirksamkeit lässt sich keineswegs beweisen, aber schaden kann es im Grunde auch nichts. findet die ihr die aktuellen Bundesligaquoten.  
Quoten unterliegen Änderungen.

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