Große Champions-League-Spiele wurden in München in den vergangenen Jahren in erster Linie als Trainerprüfungen verstanden. Doch nun, nach der Rückkehr von Triple-Gewinner Jupp Heynckes auf die Bank des Rekordmeisters, verschiebt sich der Fokus zurück auf das Spielfeld. Die Frage ist nicht mehr, ob Pep Guardiola oder Carlo Ancelotti es dem 72-Jährigen nachmachen können, sondern inwieweit das aktuelle Bayern-Ensemble noch den allerhöchsten Ansprüchen auf der internationalen Bühne gerecht wird.

Alte Hasen statt junges Gemüse

Das Achtelfinal-Hinspiel gegen Besiktas am Dienstagabend wird angesichts der ungleichen Kräfteverteilung – den Gastgebern wird mit einer Sieg-Quote von eine 87-prozentige Gewinnchance eingeräumt – nur ansatzweise klären können, ob den Münchnern der große Wurf zuzutrauen ist. Als Standortbestimmung  für einige individuelle Spieler aber taugt das Duell mit den “schwarzen Adlern” allemal. Besonders auf den Flügeln und im zentralen Mittelfeld stehen wichtige Entscheidungen für die Zukunft an. Die Leistungen in der Königsklasse sind im Zweifel dabei eher von Bedeutung als der 10. Bundesligasieg in Folge im Sparmodus, gegen Wolfsburg.

 

Die beiden Altmeister Arjen Robben (34) und Franck Ribéry (34), die zwei wichtigsten Faktoren für Bayerns Rückkehr in die europäische Spitze in diesem Jahrzehnt, spielen gegen die eigentlich überfällige Zeitenwende an. Ersterer hat dank seiner größeren Effizienz aktuell bessere Chancen, seinen Vertrag ein weiteres Jahr zu verlängern, aber auch Ribéry darf sich als Back-Up für den unter Heynckes enorm verbesserten Kingsley Coman noch Hoffnung auf einen weiteren Verbleib machen. “Rib und Rob” blockieren zwar mit ihren hohen Gehältern im zweistelligen Millionenbereich wichtige Planungsstellen, könnten den Vereinsbossen bei gleichbleibendem Output eine teure Einkaufstour zu ersparen. Flügelstürmer von ähnlicher Qualität werden im Sommer nicht unter 70 Millionen Euro zu haben sein. Die Partien gegen Besiktas und womöglich folgende Spiele gegen absolute Spitzenteams wie Barcelona oder Manchester City werden zeigen, wie groß der Bedarf einer Auffrischung auf den Außenbahnen tatsächlich ist.

Die Heynckes-Nachfolge

In Zentrale, wo nach der Verpflichtung von Leon Goretzka (Schalke 04) im nächsten Jahr ein Überangebot herrscht, verspricht man sich an der Säbener Strasse ebenfalls aufschlussreiche Rückschlüsse aus den Vergleichen mit der europäischen Elite. Heynckes’ Schlüsselspieler Javi Martinez ist wegen seiner vielseitigen Verwendbarkeit auch im nächsten Jahr unverzichtbar, gleiches gilt für den technisch begnadeten Spielmacher Thiago Alcantara. Sebastian Rudy und Arturo Vidal haben potenziell einen schwereren Stand. Gerade der  Chilene muss als klassischer Box-to-Box-Spieler mit Hang zu Undiszipliniertheit auf und neben dem Platz um seine Startposition bangen. Obwohl Heynckes Vidals physische Wucht und Präsenz durchaus schätzt, tendiert man an der Säbener Strasse momentan eher dazu, den 30-Jährigen abzugeben. Es liegt an Vidal, seine Arbeitgeber mit konzentrierten Leistungen umzustimmen. Leicht wird das nicht. Unter Thomas Tuchel, dem wahrscheinlichsten Nachfolger von Heynckes, kann man sich den Instinktspieler aus Santiago nicht so recht als tragende Säule in der Schaltzentrale vorstellen.

Unabhängig von den angesprochenen Personalien müssen die Entscheider im “Aquarium”, wie die VIP-Loge der Vereinsführung in der Allianz Arena intern genannt wird, genau abwägen, ob man mit einer punktuellen Verstärkung des Kaders in der Champions League konkurrenzfähig bleiben bzw wieder werden kann oder doch einen stärkeren Umbruch benötigt. Am Trainer wird es im Falle eines Misserfolgs in diesem Jahr ja nicht liegen.

Quoten unterliegen Änderungen.

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