Es ist in Mode gekommen, Mannschaften nach Niederlagen einen mangelnden “Plan B” vorzuwerfen, dabei haben die  meisten Teams nicht einmal einen brauchbaren “Plan A”. Je stärker eine Elf anhand ihrer Spielweise klar und deutlich identifizierbar ist, desto stärker ist die Versuchung, hinterher den Misserfolg einzige und allein daran festzumachen. Pep Guardiola und Jürgen Klopp können ein Lied davon singen. Beide wurden in München, Dortmund, Manchester City und Liverpool nach enttäuschenden Ergebnissen immer wieder gefragt, ob es nicht endlich Zeit sei, ihr starres System zu verändern. Die Antwort war, trotz der höchst unterschiedlichen Spielstile, bei beiden stets die selbe: nicht der Plan ist das Problem, nur die Umsetzung.

Seit Guardiola die Premier League auf fast schon aufreizend dominante Weise mit seinem Kurzpass-Ensemble gewonnen hat und Klopps rasanter Überfallfußball eine insgesamt unerfahrene,  nicht vor Qualität überbordende Mannschaft ins Finale der Champions League geführt hat, ist der Ruf nach alternativen taktischen Entwürfen erst einmal verstummt. Seine Mannschaft kann um im musikalischen Bild des “Heavy-Metal-Fußballs” zu bleiben, nur drei, vier Akkorde. Doch das reicht, um eine Wucht zu entfachen, die künstlerische begabtere Gruppen so lange mit Lautstärke 10  zudröhnt, bis ihnen Kopf raucht.

Liverpool

Der besondere Reiz des Endspiels besteht nun darin, dass Liverpools orchestriertes Chaos auf eine Mannschaft trifft, die “eiskalt ist, und mit einer Tasse Kaffee auf dem Platz steht, wenn die Angriffe auf sie aufzurollen”, wie Klopp es bewundernd ausdrückte. Bei Toni Kroos, dem Mann, der bei den Königlichen ungerührt von Spielstand und Tagesform seiner Mitspieler mit hunderten von sicheren Pässen dafür sorgt, dass es immer irgendwie weitergeht, hat man mitunter den Eindruck, er stünde mit Ohrenschützern auf dem Platz. (Seine Lieblingsmusik ist nicht Heavy Metal, sondern Pur. Aber das nur nebenbei.)

In den vergangenen Jahren kam es selten vor, dass in einem Europapokal-Endspiel nicht die besseren Individualisten, sondern das System gewann. 2012 gelang es beispielsweise dem FC Chelsea, den FC Bayern in der heimischen Allianz Arena mit altitalienischer Mauertaktik zu bezwingen; zwei Jahre zuvor hatte José Mourinho Inter die Bayern mit einer kühlen Kontertaktik besiegt. 2010 waren die Münchner jedoch noch nicht so gut besetzt, um gegen Mourinhos ausgeklügelte Strategie Entscheidendes ausrichten zu können. Louis van Gaals Positionsfußballspiel funktionierte nicht, weil auf wichtigen Positionen Qualität fehlte.

Liverpool

Real Madrid, das gegen die unterschiedlichsten Gegner und Taktiken drei der letzten vier Champions Leagues gewonnen hat, braucht keinen Plan A, keine einstudierten Spielmuster, keine große, übergeordnete Idee. Real Madrids Taktik und Plan heißt Cristiano Ronaldo. So lange die Defensive um den famosen Haudegen Sergio Ramos den Kasten einigermaßen sauber hält und das Mittelfeld den Portugiesen regelmäßig in Position bringt, wird am Ende Real gewinnen. Alles andere – die genaue Anordnung im Mittelfeld, die Belegung der Halbpositionen neben und hinter dem größten Torschützen seiner Generation – ist daneben fast schon unwichtig. Zinedine Zidane hat im Laufe dieser Champions-League-Saison viele Kombinationen und Aufstellungen ausprobiert. Das passte mal besser, und öfters schlechter, fiel letztlich aber nicht ins Gewicht. Madrid fand  – meistens in der Person von Ronaldo  – einen Weg, um zu siegen.

Livepool hat zwar einen ähnlich treffsicheren Stürmer in seinen Reihen, aber Mohamed Salah würde ohne seine kongeniale Mitwirbler Roberto Firmino und Sadio Mané nicht annähernd stark zur Geltung kommen. Klopps Pressing bringt die Gegner aus dem Konzept und die Stürmer schnell in den Strafraum; das Spiel der Engländer definiert sich vollkommen über Tempo und das überraschende Moment. Anders wird es in Kiew nicht gehen, und mit anderen Spielern leider auch nicht. Liverpool hat weder einen Plan B noch ein Team B. Die Bank der Madrilenen ist weitaus stärker besetzt.

Quoten unterliegen Änderungen.

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