Als der FC Bayern am Freitagmittag als Gegner von Sevilla im Viertelfinale zugelost wurde, hallten laute “Ja!”-Rufe durch den Raum. Also, bei mir im Wohnzimmer. Ich wollte schon immer mal in die Hauptstadt von Andalusien. Aber auch der deutsche Dauermeister dürfte mit dem, was Andrej Schewtschenko im UEFA-Hauptquartier in Nyon aus der Schüssel kramte, äußerst zufrieden sein. Sevilla ist trotz des beachtlichen 2-1-Auswärtssieg bei José Mourinho’s “Neanderthaler-Fußball”-Truppe (AS) im Old Trafford rein objektiv der dankbarste aller möglichen Gegner unter den letzten Acht; ein Team mit vielen guten Kickern aber keinen herausragenden Akteuren, wie es zum Beispiel Mittelstürmer Edin Dzeko beim AS Roma ist. Der Einzug ins Halbfinale ist im Grunde Pflicht für die Elf von Jupp Heynckes. Mit Losglück alleine wird der 72-Jährige ein zweites Triple nicht gewinnen können, aber einstweilen hätte es ganz sicher bedeutend schlimmer für die Roten kommen können. Sevilla hat, davon zeugen drei Europa-League-Siege in Folge (2014, 2015, 2016), ein gewisses Talent für K.o.-Fußball. Die außerordentlich hitzige Atmosphäre im Sanchez Pizjuan kann dem Gegner schon mal die Countenance rauben, wie der FC Liverpool schmerzhaft erfahren musste. Jürgen Klopps Team kassierte nach einer 3:0-Führung drei Tore und kam nur mit einem 3:3 von der Auswärtspartie in der Gruppenphase zurück. Schon beim ersten Treffen an der Anfield Road hatten die Spanier mit unglaublicher Effizienz vor dem Tor ein schmeichelhaftes 2:2 erzielt. Die Angriffsreihe um Wissam Ben Yedder (fünf Tore in der Champions League), Luis Muriel, Joaquin Correa, Nolito und Franco Vazquez spielen einen sehr gepflegten, variablen Fußball mit vielen Positionswechseln, der auf Grund der wenig klangvollen Namen vielleicht ein wenig unterschätzt wird.   Andererseits gibt es Gründe, warum die Mannschaft von Vincenzo Montella mit einer negativen Tordifferenz (minus 6; 42 Gegentreffer in 28 Spielen) auf dem fünften Platz in der Primera Division liegt. Defensiv ist Sevilla anfällig, da der Franzose Stephen N’Zonzi in der Zentrale oft allein die Viererkette bewachen muss und dem Ex-Wolfsburger Simon Kjaer ein wenig die (gistige und körperliche) Beweglichkeit fehlt. Spielmacher Ever Banega hat einen feinen Fuß, aber ohne Ball oft nicht die Muße, hinten auszuhelfen. Bayern sollte in beiden Spielen Mittelfeld und Spielgerät kontrollieren, und anders als Man Utd den Spaniern nicht die Zeit und Luft geben, ihr sehr ansehnliches Kombinationsspiel aufzuziehen. Javi Martinez und Arturo Vidal werden diesbezüglich die Schlüsselspieler für Heynkes sein: Ballgewinner, Gegner-Einschüchterer und Angriffsstarter.  Gerade physisch sind die Münchner den Spaniern überlegen, aber es wäre ein Fehler, sich wie Mourinho allein auf lange Bälle und Standards zu verlegen. Bayerns Spiel lebt von den Pässen in die Tiefe, von Thomas Müllers anarchistischen Laufwegen und schnellen Passfolgen in den Halbpositionen. Thomas Mueller of Bayern Muenchen, Niklas Suele of Bayern Muenchen, Javi Martinez of Bayern Muenchen, Jerome Boateng of Bayern Muenchen and Franck Ribery of Bayern Muenchen Problematisch aus Sicht der bis zum Hinspiel am 3. April möglicherweise schon als Meister feststehenden Bayern sind höchstens die offensiven Außenpositionen. Das Fehlen von Kingsley Coman (Knöchel-OP) macht sehr stark bemerkbar, da weder Arjen Robben noch Franck Ribéry zuverlässig hinter die letzte Abwehrreihe kommen. Hier sind die Verteidiger David Alaba und Joshua Kimmich gefragt, was wiederum Räume für Sevilla zum Kontern öffnet. Insgesamt gesehen müsste jedoch für das Heynckes-Team sehr viel schief laufen, um nach dem Rückspiel in München am 11. April nicht unter die letzten Vier zu kommen. Die Chance, ins Halbfinale vorzustoßen, ist ähnlich gut wie 2015 und 2016, als den Münchnern der FC Porto beziehungsweise Benfica zugelost worden. In den Halbfinal-Spielen war es dann jedoch gegen Barcelona und Atletico jeweils vorbei mit den Jubelschreien.
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