“Wir müssen aufpassen, da die Gefahr besteht, dass die ganzen Stars und guten Spieler aus der Bundesliga weggeholt werden”, warnte Bruno Hübner Anfang der Woche. Eintracht Frankfurts Sportdirektor hat Recht: der deutsche Profifußball in den vergangenen Jahren durch den Abgang von Spitzen-Trainern wie Jürgen Klopp (Liverpool) und Pep Guardiola (Man City) und Spielern wie Kevin de Bruyne, Leroy Sané (beide Man City) und Pierre-Emerick Aubameyang (Arsenal) viel sportliche Substanz verloren. Die Sorge vor einem “internationalen Absturz” (Süddeutsche Zeitung) erscheint jedoch mit Blick auf die kommende Saison ein wenig übertrieben. Stand heute hat es die Liga trotz ihrer strukturellen Probleme nämlich erstaunlich gut geschafft, ihre wichtigsten Kicker und Coaches gegen den Trend zu halten. Von den achtzehn Top-Scorern der abgelaufenen Saison (Tore und Assists) verließ allein Aubameyang die Liga. Der gefürchtete Ausverkauf fand nicht statt. Barcelona's Chilean midfielder Arturo Vidal Branchenkrösus FC Bayern ließ zwar freiwillig den lebensdurstigen Draufgänger Arturo Vidal gen Barcelona ziehen und hielt sich mit großen Verpflichtungen auffällig zurück, hat dabei aber immer noch einen Luxus-Kader, der etwas zu üppig besetzt ist.

Spieler-Bessermacher und Schnitzer Favre

Borussia Dortmund trennte sich für viel Geld von Andriy Yarmolenko, André Schürrle, Sokratis, Gonzalo Castro und Mikel Merino, das Produkt Bundesliga wird ohne dieses Quintett jedoch nicht wesentlich schlechter. Neuverpflichtung Axel Witsel bringt im Gegenzug einen Hauch von Glamour mit, zudem wird sich der ausgewiesene Spieler-Bessermacher Lucien Favre den einen oder anderen Leistungsträger selbst schnitzen. Das einzige, das den Schwarzgelben noch zum Glück fehlt, ist ein Ersatz für Michi Batshuayi im Sturm. Bayer 04 Leverkusen, das gerade in der Offensive sehr interessant besetzt ist, Hoffenheim und Schalke 04 haben ebenfalls keine echten Stars ins Ausland verloren, von “Weltklasse”-Mittelfeldspieler Max Meyer einmal abgesehen. 37 Millionen Euro Ablöse für S04-Abwehrtalent Thilo Kehrer (Paris St. Germain) waren in Gelsenkirchen eher Anlass zu Jubelstürmen als Trauer. Nimmt man die herausragenden Trainer der abgelaufenen Saison, Domenico Tedesco und Julian Nagelsmann mit in die Rechnung auf, besteht Grund für vorsichtigen Optimismus. In der Spitzengruppe steht ja de facto niemand schlechter da steht als vor zwölf Monaten, im Gegenteil: clevere Verstärkungen wie die Brasilianer Cunha (Leipzig) und Paulinho (Leverkusen) und der Franzose Alessane Plea (Borussia Mönchengladbach) versprechen mehr spielerische Klasse im oberen Tabellendrittel.

Tradition und Kommerz

Von dem wiedererstarkten Dortmund und Tedescos Schalke sind in Liga und Champions League gute Ergebnisse zu erwarten. Ob sich Bayern unter Niko Kovac gleichzeitig derart verschlechtert, dass es zu einem echten Titelrennen kommt, ist zwar fraglich, doch insgesamt droht der Fußball in Liga eins eher besser als schlechter zu werden. Bisweilen hat man den Eindruck, der arg alarmistische Ton sei gezielt gewählt, um die über Jahrzehnte gewachsene Konsens-Mischform aus Tradition und Kommerz zusätzlich ins Wanken zu bringen. Langfristig muss sich die Bundesliga tatsächlich fragen, ob sie ihren Sonderweg weiter gehen will, und zu welchem Preis. Aktuell aber ist die Lage der Liga weitaus besser, als sie von diversen Bedenkenträgern gemacht wird.
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