RB Leipzig spielt erfolgreich, wird aber vom Gros der deutschen Fans als Marketing-Projekt abgelehnt  Fehlende Authentizität und Tradition gilt als Erbsünde Aber wie ehrlich sind die Markenkerne der alteingesessenen Vereine?   Die beiden sehr reichen Bauunternehmer-Brüder hatten persönlich Spaß am Fußball, aber im Vordergrund ihrer Überlegungen stand ganz klar das Geld: sie hatten den unheimlich populären Sport als zukunftsträchtiges Investment ausgemacht, mit dem sich prima Kasse machen ließ. Dafür kauften sie ein altes Athletik-Stadion mitsamt der umliegenden Grundstücke in einer grünen Ecke der Stadt, und bauten darauf ein hochmodernes Fußball-Areal. Der Plan hatte nur einen kleinen Mangel: es gab in der Gegend überhaupt keine Profi-Mannschaft, die dort spielen wollte. Das nur wenige hundert Meter entfernte, alteingesessene Team hatte kein Interesse, in das neue Stadion ziehen. Doch die entschlossenen Brüder ließen sich von dieser Kleinigkeit nicht abhalten. Sie gründeten in einer Kneipe einfach ihren eigenen Verein und nannten ihn: Chelsea FC. Schalke 04 vs. RB Leipzig Ja, die 1905 ins Leben gerufenen Blues waren der erste, vorsätzlich aus Gründen der Gewinnmaximierung ins Leben gerufene Klub, ein buchstäblich am Reißbrett entworfenes “Projekt”. Auf der Insel störte sich bis auf die Nachbarn vom FC Fulham jedoch niemand an diesem Umstand. Chelsea wurde schnell beliebt, sehr erfolgreich und gilt heute trotz der Regentschaft des russischen Rohstoff-Milliardärs Roman Abramowitsch als ausgesprochener Traditionsklub. Wird man RB Leipzig in hundert Jahren mit ähnlicher Selbstverständlichkeit als Fußball-Fixstern in der Bundesliga begreifen? Es fällt aktuell schwer, das zu glauben. Der von Ralf Rangnick im dritten Ligajahr erneut in die Champions League und bis ins DFB-Pokalfinale gecoachte Klub wird in weiten Teilen der Öffentlichkeit noch immer als Fremdkörper ohne echte Existenzberechtigung verstanden.  

Feindbild RBL

Vieles, was RB abseits des Platzes macht, ist tatsächlich fragwürdig, angefangen von den nur auf dem Papier demokratischen Richtlinien unterworfene Vereinsstruktur und den offensichtlichen Verbindungen zum kleinen Bruder Salzburg. Aber die Ablehnung trägt sehr viel grundsätzlichere Züge. Dem vom österreichischen Softdrink Milliardär Dietrich Mateschitz als Investoren- und Marketing-Vehikel fehlt Authentizität, Geschichte und Heimatbezogenheit, es ist damit das unverfrorene Gegenteil, von dem was im Bio-Fußballland als natürlich betrachtet wird: ein Kunst-Klub. Mehr massenfähiges Unterhaltungsprodukt als Verein im eigentlichen Sinne, wie das gut 100 Jahr zuvor aus der Taufe gehobene Chelsea. Doch damit stehen die Sachsen, wenn man es genau nimmt, heute keineswegs alleine da. Ihre Nicht-Identität ist am Ende vielleicht sogar ehrlicher als der stets rückwärts gewandte Bezug verschiedener Großklubs auf ihre ach so liebenswert organischen Ursprünge im vorherigen Jahrhundert, die mit den Realitäten des Profi-Fußballs im Jahre 2019 (Stichworte: Aktiengesellschaften, Ausstiegsklauseln, Unternehmensbeteiligungen) nur noch dann viel zu tun haben, wenn man sich erfolgreich selbst belügt.  

Wann fängt Tradition an?

Klar findet hier auch ein Verdrängungskampf statt, die Angst der vielen deutschen Fulhams vor der Finanzkraft und zukünftigen Dominanz des Start-Up-Giganten ist real und dementsprechend emotional aufgeladen. Die entscheidende Frage ist jedoch, inwieweit der beliebteste Sport der Welt auf solch nativistische Reflexe Rücksicht nehmen sollte. In allen anderen gesellschaftlichen Feldern wäre die Idee, dass nur hundert Jahre alte gegründete Unternehmen oder Gruppierungen von Menschen das Recht auf Betätigung, eine Horror-Vorstellung der immerwährenden Starre. Warum sollte ausgerechnet im Fußball nur das da sein dürfen, das schon lange vorher da war? (Ob Mateschitz, dessen Sender Servus TV auch den Ressentiments der sogenannten Identitären Sendeplatz einräumt, die Ironie der eigenen Position erkennt, darf übrigens bezweifelt werden.) Wahrscheinlich wird irgendwann die alltägliche Kraft des Faktischen die Antipathie besiegen oder zumindest stark eindämmen. Die Geschichte des FC Chelsea zeigt, dass Fußball-Tradition letztlich auch nur in Zeit gemessen wird.  
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