Das miserable Abschneiden der Leverkusener in der Europa League wird automatisch auf mangelnden Willen geschoben. Die Einstellung kann den Unterschied machen, aber Mentalität wird gemeinhin überwertet.  Materielle Faktoren sind auf lange Sicht wichtiger als Psychologie.    “Typisch Leverkusen”. Geben Sie es zu, lieber Leser, das war doch Ihre Reaktion nach dem Europa-League-Aus der Werkself gegen Krasnodar (1:1) am Donnerstagabend, oder? Auf Bayer ist halt kein Verlass, wenn es eng wird. Wissen wir ja. Dabei fehlt es ja anscheinend nicht nur der ewig nervenschwachen Truppe von Peter Bosz an der passenden Mentalität im internationalen Vergleich. Jahr für Jahr kämpfen Bundesligisten aus der oberen Hälfte der Tabelle bis aufs Blut um die Qualifikation für UEFAs zweitwichtigsten Wettbewerb, um dann ganz schnell wieder gegen bestenfalls gleichwertige Gegner auszuscheiden. Warum reißen sich Freiburg, Hertha, Leverkusen usw nicht mal ein bisschen zusammen? Bayer Leverkusen vs. Krasnodar Das Gegenbeispiel ist selbstverständlich der FC Bayern, zumindest der FC Bayern im Anfield-Kampfmodus. Der Rekordmeister ließ für einen regnerischen Abend an der Mersey alle mannschaftlichen Zwistigkeiten und Defizite in der Rückwärtsbewegung beiseite und erstritt ein passables 0:0. Das war ein Sieg  - bzw Unentschieden - der Einstellung, wie alle Beteiligten übereinstimmend erklärten. Und Niko Kovac ließ nicht ganz uneigennützig durchblicken, dass der Tabellenzweite mit ähnlich entschlossener Attitüde in der Bundesliga der Dortmunder Borussia längst den Rang an der Spitze abgelaufen hätte.  

Mentalitätsspieler sind nicht verkehrt,  aber kein Allheilmittel

Keine Frage, die richtige Einstellung ist wichtig, und kann bei etwa gleichmäßiger Kräfteverteilung tatsächlich den Unterschied machen. Jeder Hobbykicker kennt das Phänomen: aus mysteriösen Gründen ist der Gegner an gewissen Tagen schneller am Ball, härter in den Zweikämpfen und wacher in der Abwehr. In Dortmund führt man den Aufschwung in der laufenden Saison nicht zuletzt auf die Tatsache zurück, dass man Axel Witsel und Thoma Delaney bewusst zwei “Mentalitätsspieler” verpflichtetet hat. Ähnlich positive Wirkung auf die psychische Robustheit wird  - sicher nicht zu Unrecht - Virgil van Dijk zugeschrieben. Der Niederländer hat sich seit seinem Wechsel zu den Reds im Januar 2018 als großer Stabilisator und Kollegen-Bessermacher erwiesen. So ein van Dijk hätte zum Beispiel der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Russland sehr gut getan. Wie Bundestrainer Jogi Löw bei seiner großen Nachbetrachtung einräumte, waren er und seine Truppe viel zu locker und sorglos in das Turnier gegangen.  

Wer immer nur Einstellung redet, verliert den Blick auf die Aufstellung und andere harte Details

Problematisch wird es jedoch, wenn sich die Analyse wiederkehrender Probleme im psychologischen Moment erschöpft. Ist es tatsächlich eine Art genetischer Defekt, der die Bayerelf regelmäßig scheitern lässt, wenn es um Titel oder den Vorstoß in die europäische Elite geht? Das Gleiche wird ja auch gerne von den Spurs in England behauptet. Dabei werden jedoch zwei Faktoren gerne übersehen: zum einen performen Fußballvereine jeglicher Couleur auf Dauer recht exakt gemäß ihren finanziellen Möglichkeiten. Man kann das gut an Manchester City beobachten. Die Himmelblauen galten jahrzehntelang als Pech- und Pannenklub, doch seit der Verein von der Herrscherfamilie von Abu Dhabi kontrolliert wird, redet niemand mehr davon, dass dem Klub das nötige Rückgrat für größere Erfolge fehlen würde. Bayer Leverkusen vs. Krasnodar Zum anderen können Klubs wie Leverkusen ihre besten Spieler - also die nervenstärksten und beständigsten Akteure - nur begrenzt halten. Zurück bleiben Talente oder Kicker aus der zweiten Reihe, die dementsprechende Ergebnisse einfahren. Mentalität wird überschätzt, erklärten neulich Christoph Kramer und Mathias Ginter; es sei zu einfach, die Verbesserung der Elf in der laufenden Saison auf eine vermeintlich positivere Einstellung zu schieben. Aus den Klagen über das schon seit Jahren schlechte Abschneiden der deutschen Klubs in der Europa League spricht letztendlich die tröstliche und wahrscheinlich irrige Annahme, dass es allein an der geistigen Verfassung fehlt, nicht an anderen Dingen wie Klasse, Taktik oder Game-Management. Am Ende bestimmt eben, das wusste schon der große Fachmann Thorben Marx - oder war es doch Karl? - das Sein das Bewusstsein. Die aktuellen Bundesligaquoten findet ihr .  
Quoten unterliegen Änderungen.

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