Die vielgefürchteten Marktmechanismen griffen auch diese Woche. Werder Bremens Verantwortliche mussten sich missmutig an dem “Bayern-Jäger”-Etikett abarbeiten, das ihnen ein paar trollige Journalisten aufgeklebt hatten - um danach natürlich die Schlagzeile “Werder will nicht Bayern-Jäger sein” in die Tasten zu hacken. “Wenn Ihr wirklich ehrlich zu euch seid, wisst ihr auch, dass das Quatsch ist“, sagte Sportdirektor Frank Baumann, leicht angewidert. Ja gut, man kann, um im Nordsee-Duktus zu bleiben, auch eine Makrele fragen, ob sie sich demnächst für ein Meeresbiologie-Studium einschreiben lässt. Interessanter, als den Grün-Weißen die komplett vorhersehbare Absage an utopische Ambitionen zu entlocken, wäre vielleicht zu klären, was nach dem außerordentlich guten Start in die neue Saison mit drei Siegen und zwei Unentschieden ein realistisches Ziel für die restliche Spielzeit ist. Hat das Team von Florian Kohfeldt das Zeug, zum ersten Mal seit 2009-10 in den internationalen Rängen zu landen?  Head coach Florian Kohfeldt of Bremen looks on prior to the Bundesliga match between FC Augsburg and SV Werder Bremen at WWK-Arena

Die Thomas-Schaaf-Gedächtnis-Raute

Kohfeldt, der im Herbst 2017 mit etwas Glück ins Amt kam, gilt branchenintern jedenfalls schon seit geraumer Zeit als einer der talentiertesten jungen Trainer der Liga. Beim 3:1 gegen Hertha am Mittwoch überraschte der 35-Jährige Pal Dardai mit einer Retro-Formation: die Thomas-Schaaf-Gedächtnis-Raute mit Neuverpflichtung Nuri Sahin auf der Sechs überforderte die Gäste im Weserstadion komplett. Anders als die meisten Mittelklasse-Vereine der Bundesliga lässt Kohfeldt sein Team hauptsächlich mit dem Ball spielen, nicht nur dagegen. Das entspricht erstens dem Bremer Vereinsnaturell und bringt zweitens das beachtliche Offensivpotenzial von Davy Klaassen, Martin Harnik, Max Kruse und Maximilian Eggestein zur Geltung. Der Nachteil dieser freizügigen Ausrichtung ist eine leichte Instabilität in der Abwehr, die auch individuell nicht übermäßig brillant besetzt ist. Werder hat, wie die Statistikseite understat.com errechnet hat, aus dem Spiel heraus in der Summe fast ebenso viele Chancen für Gegentore zugelassen (5), als man auf der anderen Seite erarbeitet hat (6). Diesem Hin-und-Her steht allerdings eine enorm starke Defensivleistung bei ruhenden Bällen entgegen. Werder hat bisher noch kein Tor nach Freistößen oder Ecken kassiert und den Gegnern dabei auch so gut wie gar keine aussichtsreichen Chancen eingeräumt. (https://understat.com/team/Werder_Bremen/2018).

Die kommenden Jagdgefilde des Herrn Kohfeldt

“Für mich sind das jetzt alles nur Zwischenpunkte”, sagt Kohfeldt, der Erfolg “erst am Ende der Saison definieren will.” Tatsächlich deutet zwar einiges daraufhin, dass die Norddeutschen mindestens auf einen einstelligen Tabellenplatz zusteuern, doch bevor man guten Gewissens von einen echten Aufschwung sprechen kann, muss die Truppe ihre Leistungen gegen bessere Teams bestätigen. Die bisherigen Gegner Hannover 96, Eintracht Frankfurt, 1. FC Nürnberg, Augsburg und Hertha werden mit Ausnahme von Dardais Team nichts mit dem Kampf um die europäischen Plätze zu tun haben. Elf Punkte gegen dieses Quintett sind für Werder-Verhältnisse zwar sehr gut, aber  noch keine Sensation. Nach dem Ausflug zu den gebeutelten Schwaben des VfB Stuttgart warten der VfL Wolfsburg, Schalke 04 und Bayer 04 Leverkusen. Erst nach diesen Partien wird sich vernünftig einschätzen lassen, in welchen Jagdgefilden Kohfeldt und Co in diesem Jahr unterwegs sein werden.
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