Im Vorfeld war ja ein bisschen über das große Champions-League-Duell von 1995 gesprochen worden. Dass dann aber auch die Partie am Dienstag Erinnerungen an die historische  Galavorstellung von Louis van Gaals blutjunger Ajax-Truppe weckte, war überraschend. Der FC Bayern wurde auf eigenem Rasen ähnlich wie beim 2:5 in Amsterdam vor 23 Jahren phasenweise überrannt; der Punktgewinn war angesichts der zahlreichen Chancen und Chancen auf Chancen der Gäste am Ende sogar schmeichelhaft. Von “Altherrenfußball” bei den Münchnern war hinterher im schockierten Publikum in Fröttmaning die Rede, und an den Gesichtern der Vorstandsgrößen war abzulesen, dass die Sorgen nach dem dritten Spiel ohne Sieg in Folge allmählich von etwas grundsätzlicher Natur sind.  

Schwache Bayern gegen flinke Amsterdamer

Im Vergleich mit der verwirrend schnell konternden Elf von Erik ten Hag wirkten die Hausherren behäbig und rätselhaft unorganisiert. Lag es an der taktischen Ausrichtung von Niko Kovac, der im Zentrum drei grundverschiedene Spieler aufgestellt hatte, die sich gegenseitig mehr behinderten als ergänzten oder doch eher an einer Mannschaft, die ihre besten Tagen schon hinter sich hat? Es lag wohl an beidem. Javi Martinez zeigte als Sechser eine äußerst fahrige Leistung, Thomas Müller fühlte sich so weit weg vom gegnerischen Tor unwohl. Folgerichtig fehlten dem Ballverteiler Thiago Anspielstationen in der Vertikale, und Ajax leitete den bayerischen Spielaufbau geschickt früh auf die Außen um, wo das Münchner Flügelzangen-Veteranenduo Arjen Robben und Franck Ribéry nach guten fünfzehn Anfangsminuten keinen Meter mehr vorwärts kam. FC Bayern Muenchen v Ajax

Ist der FC Bayern international konkurrenzfähig?

Bayerns individuelle Qualität ist zu groß, um in der Liga oder der eher mittelschweren Champions-League-Gruppe nicht wieder schnell in die Erfolgsspur zurück zu kommen aber wenn es darum gehen soll, neben den fast schon garantierten nationalen Titeln auch international zu triumphieren, sind die Zweifel nach dem Ajax-Beinahe-Fiasko an nun wieder ähnlich groß wie vor Saisonbeginn, als sich rund um die Säbener Strasse viele fragten, ob der vergleichsweise unerfahrene Kovac im Verbund mit einer leicht überreifen Truppe zu einer gewinnbringenden Kombination taugen würde.  

Kovac bereits im Fokus

Uli Hoeneß’ Kritik an Kovacs Rotationspolitik (“da war der Wurm drin”) sowie der dezente Hinweis, dass am Ende der Trainer “den Kopf hinhält” dürfen als erstes Alarmzeichen gewertet werden. Die Bayern-Bosse wollen sich nicht nachsagen lassen, die Leistungsstärke des Kaders falsch eingeschätzt zu haben;  im Misserfolg kann als nur jemands anders schuld sein. In der Kabine gehen die Meinungen über den neuen Übungsleiter dem Vernehmen nach bereits auseinander. Einige Spieler bemängeln dessen Fokussierung auf den physischen Aspekt des Spiels, manchen wechselt er zu wenig, anderen zu viel. Kovac - FC Bayern Wichtig für den Kroaten ist vor dem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach, nicht die Nerven zu verlieren. Bayerns Spiel lebt von Kontrolle und Struktur, die taktische Stringenz der Idee sollte im Vordergrund stehen, nicht die Rücksicht auf Eitelkeiten und große Namen. Gelingt es Kovac, seine Vorstellung umzusetzen, ohne dabei die Unterstützung diverser Granden zu verlieren, ist er der richtige Mann für den schwierigen Job. Ausgang? Derzeit offen.  
Quoten unterliegen Änderungen.

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