Unvorhergesehene Erfolge sind seit dem Aufstieg mit 1.FSV Mainz 05 in die Bundesliga seine Spezialität: Jürgen Klopp. Mit BetVictor sprach der Liverpool-FC-Trainer über seine Helden der Kindheit, inspirierende Außenseiter-Geschichten und Liverpools fußballerische Entwicklung in der laufenden Saison.

Über die fiktiven Charaktere, die ihn inspiriert haben

 Jürgen, wir würden gerne heute über Außenseiter reden und Siege, die so ein bisschen „against the odds“ passieren, also Überraschungserfolge sind. Welche fiktiven Außenseiter-Erfolgsgeschichten begeistern dich?   Wenn man im Schwarzwald groß wird, bist du entweder vor der Tür, weil das Wetter gut ist oder, wenn das Wetter schlecht ist, dann hattest du damals drei Programme. Also das 3. Programm war, von dem Sommerferienprogramm nachmittags mal abgesehen, auch zu vernachlässigen. Ich kann mich aber daran erinnern, .... wer war das denn, ... Söhnke Wortmann! Der hat genau den gleichen ersten Helden gehabt wie ich, nämlich Pimkin. Das ist ein schwedischer Junge, der es als Siebenjähriger geschafft hat in der schwedischen Nationalmannschaft zu spielen.  Der damals war ungefähr mein Alter, und das war die 1974er WM-Mannschaft, Roland Sandberg und wie sie alle hießen, die Jungs damals. Und das wurde tatsächlich irgendwann einmal verfilmt. Ich habe damals nochmals versucht den Film zu kriegen, das war nicht so einfach.  Als Kind hat das natürlich meine Träume extremst befeuert. Das hat ein bisschen gedauert, bis ich festgestellt habe, dass das nicht so wahnsinnig häufig vorkommt. Das hat mich lange begleitet und ich dachte, das wäre irgendwie möglich. Aber er ist ein Außenseiter nur aufgrund des Alters, ansonsten eher nicht wirklich. Und so hat das angefangen. Es gab wenig damals im Fernsehen zu gucken, man musste über Bücher agieren und da gab es nicht wirklich Außenseiter, die da am Start waren, sondern eher tatsächliche Helden, die sich aber in einer Art und Weise verhalten haben, die - wie man heute wahrscheinlich sagen würde - absolut politisch korrekt war und trotzdem gewonnen haben am Ende. Das haben wir ja schon mal festgestellt, als wir den Engländern erklären wollten wer Winnetou ist … War nicht so leicht. Aber ich habe alle Karl-May-Bände gelesen und dementsprechend war das ein wichtiger Faktor meines Erwachsenwerdens. Und Sportfilme oder Sportserien ... sowas wie “Manni der Libero”?   Ja klar, “Manni der Libero” haben wir natürlich geguckt. Und dann gab es auch die Weihnachtsserien, also mit Patrick Bach der Silas gespielt hat und eben Tommi Ohrner, der Manni gespielt hat und das ist erneut wieder meine Alterskategorie gewesen. Ich weiß nicht genau, Tommi Ohrner ist glaube ich ein bisschen älter, der hat damals glaube ich bei einem Berliner Verein gespielt der nicht Hertha war und die haben für die Meisterschaft damals jeder ein Moped bekommen. Da haben wir gedacht, ja, das wäre nicht schlecht. Aber auch Manni war natürlich nicht wirklich ein Außenseiter, sondern war tatsächlich einfach nur eine schöne Sportgeschichte. Da gab es die "Indianer von Cleveland" später als Komödie, mit Charlie Sheen. Außergewöhnlich. Diese Filme gab es immer mal wieder und ich hab das wirklich sehr gerne angeguckt. Mit 17 damals, 1985, hat Boris Becker Wimbledon gewonnen. Das ist für mich die größte Geschichte überhaupt gewesen, etwas absolut Unvorstellbares in einer nicht wirklichen Tennisnation den jüngsten Wimbledonsieger aller Zeiten zu stellen, der auch noch ziemlich genau gleich alt ist. Das war schon echt extrem inspirierend, um ehrlich zu sein.

Wie er in seiner Karriere Gewinnergeschichten verwendet hat

Und du hast davon auch manchmal Gebrauch gemacht, als du später in deiner Trainerlaufbahn den Mannschaften Ausschnitte mit eben solchen Szenen zeigtest...   Ja ja, wir sind mit Dortmund als Außenseiter Meister geworden und hatten als Außenseiter die Chance, das Double zu gewinnen. Ich habe damals tatsächlich den Film fertigen lassen „Die größten Ereignisse der Menschheitsgeschichte“, also jene, die man filmisch irgendwie zeigen konnte und es ging dann los mit der Mondlandung, unter anderem auch Boris Becker dabei. Da wir in Deutschland waren können wir ein bisschen mit der Rosi Mittermeier spielen, 1976 Innsbruck, Steffi Graf natürlich, Michael Schumacher ... also ganz große Momente. Und ich habe den Jungs damals dann gesagt, unser großer Moment, der ja dann nächstes Jahr im Film auch mit dabei sein wird, der steht noch aus und der findet morgen statt. Weil wir eben zum ersten Mal in der glorreichen Geschichte von Borussia Dortmund die Chance haben, das Double zu gewinnen. Ich wollte es nicht zu groß werden lassen, aber den Reiz, den so was ausüben kann, den wollte ich schon aufzeigen. Und ehrlich gesagt habe ich den Film auch selber sehr gerne geguckt. Das waren glaube ich zehn Minuten, da war auch John J. Kennedy mit „Ich bin ein Berliner“ dabei, und auch Politisches, Martin Luther King haben wir auch mit reinpackt und einfach große Momente der Zeitgeschichte. Für uns war logischerweise der Double-Gewinn auch ein großer Moment unserer persönlichen Zeitgeschichte.

Wie er ähnliche Methoden beim FC Liverpool verwendet

 Hast Du von ähnlichen Techniken hier auch schon Gebrauch gemacht als Liverpool-Coach?   Nein, also nicht wirklich. Nur ganz stark heruntergebrochen, gegen Borussia Dortmund in der Halbzeitansprache. Ich war tatsächlich von der ersten Halbzeit nur ergebnismäßig enttäuscht, wie lagen wir da hinten? Wir lagen 2:0 zur Halbzeit hinten.  Gegen Dortmund, in der Verfassung, in der sie waren… war es nicht mehr so wahrscheinlich, dass wir das irgendwie biegen könnten. Damals habe ich einfach nur gesagt, davon bin ich übrigens überzeugt, dass das Leben eine Ansammlung von Geschichten ist, die man irgendwann mal erzählen möchte, und hab den Jungs damals gesagt, das ist heute so ein Tag, wenn wir das richtig angehen, dann ist das so eine Geschichte, die können wir unseren Enkelkindern noch erzählen. War für die Jungs vielleicht ein bisschen schwer, das mit den Enkelkindern.  Die meisten, haben ja noch nicht mal Kinder. Aber sie haben das offensichtlich doch gefasst, in einer ganz ruhigen Atmosphäre. Wunder geschehen jetzt nicht so wahnsinnig oft. Aber sie geschehen immer wieder und man muss schon bereit sein dafür. Man muss schon offen sein dafür, dass das passieren kann. Wenn du das von vornherein komplett ausschließt, hast du keine Chance und dementsprechend arbeite ich gerne mit solchen Bildern und mit der Vorstellung, sich nach vorne zu denken um dann zurückzublicken. Weil ich das selber ehrlich gesagt relativ häufig selber auch mache. Wenn sich mir ein richtiges Problem stellt oder ich mich schlecht fühle aufgrund irgendeines Ereignisses, dann frage ich mich ganz bewusst selber: “Wird mich das in einem Jahr auch noch beschäftigen? Und falls nicht, warum mache ich mir dann jetzt so einen riesigen Kopf drum? Man schleppt Dinge wirklich sehr sehr häufig mit sich rum, obwohl es eigentlich keine wirkliche Relevanz hat. Ich weiß, das ist ein relativ pragmatischer Ansatz ... der funktioniert aber. Zumindest bei mir. Der lässt Dinge relativ schnell auf Normalmaß zurückkommen und ich habe das, glaube ich, tatsächlich ganz früh einfach gelernt. Unter anderem durch diese nicht selbst gemachten Erfahrungen sondern Schauspielergeschichten die sich andere Autoren ausgedacht haben. Ich durfte von ihren Erfahrungen praktisch lernen und das habe ich recht früh in meinem Leben schon gemacht.

Über Geheimagent Lennet und James Bond

 Was gab es denn noch für Helden aus dem fiktiven Bereich?   “Geheimagent Lennet!” Das waren Schneiderbücher. Ich glaube nicht, dass das wahnsinnig viele kennen. Die Mädchen haben damals, glaube ich, "Hanni & Nanni" gelesen. Und es gab eine Serie Schneiderbücher, die ich geliebt habe: Geheimagent Lennet. Ein Krimi ohne wirklich ans Eingemachte zu gehen, weil es ein Kinderbuch war und dementsprechend ist wenig Blut geflossen. Aber, klar ... welcher Junge wollte nicht James Bond sein? Ich bin 50 und hab dementsprechend fast alle ..., ja ich habe alle (Bonds) wirklich „live“ erlebt. Sean Connery der erste, dann war Roger Moore irgendwann am Start und dann ein paar, die man sich nicht so wahnsinnig merken muss und dann Pierce Brosnan. Das ist einfach so eine Geschichte ... Was ich dabei mag ist: Es ist so jetzt nicht alles völlig ohne Ecken und Kanten abgelaufen aber doch im legalen Bereich. Ich mag es erfolgreich zu sein, ich mag es zu gewinnen und ich mochte eben, dass die gewonnen haben am Ende. Das Gute siegt, sozusagen, ohne sich auf das liederliche Niveau der Bösewichte herabzulassen. Das hat mich schon immer gefasst.

Überraschungsgewinner

 Welche Überraschungssieger im nicht-sportlichen Sinne können dich begeistern oder haben dich vielleicht früher schon fasziniert?   Man hört in der Welt viel zu wenig von Siegern, mit denen man vorher nicht gerechnet hat. Die gibt es im Sport natürlich ständig, aber werden dann häufig auch abgetan als Eintagsfliegen abgetan. Ich habe jetzt gerade gehört, dass irgendein Skispringer schwer verunglückt ist, der vor 4 Jahren die Vierschanzentournee gewonnen hat. Ich habe den Namen noch nie gehört  - und das ist nicht fair. Muss ich ganz ehrlich sagen. Ich mag die Sportart, ich habe das normalerweise immer geguckt, als wir noch Zeit hatten dafür und nicht in England gerade selber gespielt haben. Es gibt diese Geschichten einfach überall und immer wieder. Das Leben ist nur leider so, dass es für einen persönlich etwas ganz Großartiges ist und dann geht es sofort eigentlich…es fühlt sich manchmal so an, dass eine Minute nachdem du es gewonnen hast, geht das Bestätigen dessen fast schon los. Man gibt einem kaum noch die Zeit, es wirklich zu genießen und ich finde, ein ganz gutes Beispiel ist Nico Rosberg. Absolut verdient ist er Formel 1-Weltmeister geworden, hat danach aufgehört und die Leute sagen so: Na ja, ich glaube auch nicht, dass er es noch mal gewonnen hätte. Also, wo ist denn das Problem? Das verstehe ich nicht. Es gibt auf dieser Welt so viele positive Überraschungen, die dann aber, und das ist das schöne daran, in allererste Linie für denjenigen wirken. Aber ich weiß darum und das reicht mir. Ich muss jetzt nicht über alle einzelnen Bescheid wissen, aber freue mich umso mehr, wenn ich es höre und ich habe einfach das Glück gehabt, dass ich selber Teil von einer sportlichen Überraschung war. Und das schon ein paar Mal.  Sich mit Mainz zu einem Spitzenteam (in der 2. Liga) zu entwickeln war eine über Jahre andauernde Überraschung und sich dann eben in der Bundesliga nicht zu etablieren aber zumindest mal zu halten ... Wir waren eigentlich jeden Morgen, wenn wir aufgestanden sind, erneut ein Überraschungssieger. Teil einer solchen Geschichte sein zu dürfen ist außergewöhnlich, fühlt sich richtig gut. Im Grunde genommen ist es immer leichter ist, wie ich finde, so gegen eine negative Erwartungshaltung anzulaufen. Das ist eine leichte Motivation, weil alle anderen sagen: “Das kannste eh nicht. Schaffste eh nicht.” Und das finde ich dann sehr leicht, sich zu motivieren. Wenn die Erwartungen überborden und dann so riesengroß sind, hast du jeden Tag das Gefühl, so richtig werde ich denen ja auch nicht gerecht. Wenn man von uns erwartet Meister zu werden, das können wir nicht heute werden. Also das geht ja nicht. Wenn wir es dann heute nicht werden, ist so eine halbe Enttäuschung schon mit dabei, weil man denkt, ja irgendwann muss es ja mal passieren. Deshalb haben Überraschungen oft damit zu tun, dass man aus dieser Erwartungshaltung heraus eben dann auch überraschen kann. Das ist schön. Wenn man es dann nicht bestätigt, ist das Ansehen nicht mehr wahnsinnig ausgeprägt, weil  - das ist einfach - weil die Menschen ein bisschen so gestrickt sind, dass sie sich dann doch relativ schnell wieder dem Anderen zuwenden. Aber wenn man das schafft, das für sich persönlich einfach zu werten und zu behalten, dann ist das eine wundervolle Geschichte und erneut eine, die man sehr gerne erzählt, wenn man irgendwann auf das Leben zurückblickt.

Wie man einen historisch großen Verein wie den FC Liverpool managed

 Bei Mainz und Dortmund war es relativ klar, auf verschiedenem Niveau natürlich, wo die Reise hingeht und was man erreichen kann. Selbst bei Dortmund zur Hochzeit  gab es nie den Moment, wo die Leute gesagt haben: “Ihr müsst alles gewinnen.” Da stand immer noch eine andere Mannschaft vor Euch. In Europa, so oder so, und in der Bundesliga auch. Wie ist das jetzt hier? Hier seid ihr natürlich Liverpool, eine Marke mit Strahlkraft und Tradition und und die Leute erwarten, dass die Mannschaft dem gerecht wird. Auf der anderen Seite würde ich sagen, steht die Realität. Und die sagt, man ist noch nicht Favorit auf irgendeinen Titel. Wie kommt man damit klar?   Genau, das stimmt. Also ich empfinde diese Situation als sehr angenehm. Man muss das trennen, was in der heutigen Zeit immer schwerer fällt. Als ich aufgewachsen bin, waren die kritischen Leute die Leserbriefschreiber. Da gab es einen in der Zeitung, zweimal, den haste gelesen und dann sagst du “Wow” - wenn du das positiv sagen wolltest -  "das ist eine interessante Persönlichkeit”. Aber du hast gedacht, ein Leserbriefschreiber? Was ist das denn für einer? Der nimmt sich jetzt die Zeit und schreibt und heute haben wir 80 Milliarden ... ach keine Ahnung, Millionen weltweit Leserbriefschreiber, die jeden Tag, bevor sie denken schon getippt haben. Dem kannst du nicht gerecht werden. Wer fundiert sich mir gegenüber äußert und sagt, “Meinste nicht,  da könnte man mal …”, da bin ich da auch gerne bereit, darüber zu reden. Dementsprechend ist die Stimmung hier im Verein richtig gut, weil wir spüren, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Es besteht natürlich das kleine Problem, dass ein paar andere Mannschaften das auch sind und die auch Qualität haben. Aber davon können wir unser eigenes Wohlbefinden ja nicht jeden Tag abhängig machen. Wir können ja nicht gewinnen, wie neulich 5:1 in Brighton und gucken und dann und sagen, “Ja, aber Man City gewinnt ja auch.” Ja, und? Aber das ist ja nicht zu ändern, da haben wir keinen Einfluss drauf. Ich finde, es gibt ja viele Dinge im Leben, die man sein muss oder werden sollte oder bleiben sollte. Gesund, zuallererst, sonst wird es ein bisschen schwierig. Und glücklich. Und da stellt sich die Frage, wie können wir glücklich sein. Das geht nur dann, wenn wir mit den Dingen, die wir tun, die uns alles abverlangen, eben auch zufrieden sind. Und zufrieden ist auch heutzutage fast schon ein negatives Wort. Aber es einfach mal kurz mal genießen, so einen ganz kurzen Moment sagen: “Ja, klasse.” Und unabhängig von allem anderen, was außenrum passiert. Ich habe immer so ein Gefühl gehabt, wo ich herkomme, da war das so:  “Wenn die anderen Leute auch Probleme haben, dann können unsere nicht so schlimm sein.” Ich habe das nie verstanden. Ich habe das nie verstanden, was uns die Probleme der anderen Leute angehen. Aber es war einfach so! “Ach siehst, bei denen läuft auch nicht alles so, wie es sein soll.” Und das ist der Gedanke, der in der Welt so ein bisschen verankert ist. Solange wir es schaffen, uns wirklich komplett auf uns zu konzentrieren, auf die Situation, die nicht einfach, den Konkurrenzkampf anzunehmen und unsere eigenen kleinen Erfolge genießen - dann haben wir irgendwann Chancen auf einen ganz großen Erfolg. Andersherum wird es schwierig, ich glaube, andersrum ist es schon relativ lange versucht worden. Das ständige Vergleichen mit den glorreichen Zeiten, die einfach nicht nur vorbei sind, sondern so auch nicht wieder kommen werden... Das hilft nicht, aber hat den Verein trotzdem so groß werden lassen, wie er heute ist. Aber jetzt hat man doch die Chance, tatsächlich die Zukunft zu gestalten und ich fühle mich ehrlich gesagt ziemlich gut dabei, einfach ein Teil davon sein zu können.

Über verschiedene Siegermentalitäten

  Ist es eine andere Art von Siegermentalität mit einer Mannschaft zu arbeiten, die davon ausgeht, die meisten Spiele gewinnen zu können oder vielleicht auch zu müssen verglichen mit Teams, die sagen: Wenn wir gewinnen, dann ist das ein ganz großes Glück für uns.    Ich war in den unterschiedlichen Situationen und mit Mainz Bundesliga zu spielen zum Beispiel, das ist genau ein Spieltag lang dieser Candyshop, also wo man so sagt “Whoooa, olympischer Gedanke, dabei sein ist alles.” Wir haben damals 2:4 in Stuttgart verloren, haben uns nicht schlecht gefühlt. Gut, du hast zwei Tore geschossen, die ersten Bundesligatore für Mainz 05. Nicht schlecht, aber trotzdem verloren. Da liegst du eine Woche später gegen Hamburg 0:1 zurück und musst 0:5 zurückliegen. Hamburg war bärenstark, die müssen uns abschießen. Tun sie aber nicht. Und diese Halbzeit hat sich nicht gut angefühlt. Das war nicht so, dass ich gedacht habe “ja, das ist halt Bundesliga, ja, Hamburg ist nicht unser Kaliber.”  Du hast selber an dich die Erwartung, das Ding zu gewinnen. Der Druck ist nicht wirklich geringer als der der Anderen. Nur nach dem Spiel, wenn du dann das Spiel verloren hast, dann sagen die Leute nicht so schlimme Sachen über dich. Dann heisst es nicht “So, ihr seid ja ein bisschen doof, ihr wollt doch nicht oder sonst was.” Sondern die Leute sagen eher “Ihr könnt ja leider nicht ..." Auch kein gutes Gefühl. Der Druck ist relativ hoch in beiden Situationen. Du gewinnst ein Spiel und dann willst du das nächste gewinnen, ob du es jetzt gewinnen musst oder nicht, das ist gar nicht so wichtig. Du verlierst eins, dann willst du unbedingt das Nächste gewinnen. Genau das ist es einfach, der Unterschied ist nicht so wahnsinnig groß. Also ich glaube tatsächlich nicht daran, dass die Angst vor dem Verlieren dich eher zum Gewinner macht als die Lust aufs Gewinnen. Das ist eine Tatsache. Also beides ist Motivation und beides hält dich am Laufen, aber ich glaube tatsächlich, dass die Lust aufs Gewinnen dir dann doch deutlich eher hilft und auch nachhaltiger hilft, denn das Andere führt automatisch in eine schlechte Gemütsverfassung. Und dann kannst eben deine Leistung nicht mehr abrufen.

Über die sich entwickelnde Fußballidentität des FC Liverpool

 Würdest du mir zustimmen, dass der Fußball von Euch und vielleicht auch dein Fußball sich noch einmal weiterentwickelt hat, von einem Außenseiterfußball zu einem Fußball, der auch mit dem Bewusstsein umgeht, dass man eine sehr gute Mannschaft hat, die im Zweifelsfall besser ist als viele Gegner und deswegen auch mehr Fußball spielen kann, bzw. muss?    Ja, das war aber notwendig. Also, es ist ja klar. Wir können jetzt hier nicht ankommen in der Situation, in der wir waren… ich weiß gar nicht genau auf welchem Platz wir waren, Neunter oder Achter, im Oktober (2015.) Vielleicht Achter oder so. Die Punkte-Ausbeute war nicht so toll und wir waren am Ende der Saison ja auch nicht viel weiter oben, wenn wir es überhaupt waren. Ich glaube, wir sind dann auf der Position eingegangen. Aber es ging darum, der ganzen Sache wieder eine Lebendigkeit einzuhauchen und tendenziell vielleicht ein bisschen besser oder auch anders organisiert zu sein. Die Chance den Titel zu gewinnen, war nicht mehr wirklich da. Vor allem hat sich das ja doch angedeutet nachdem Leiceister vorne weggelaufen ist, ohne wirklich Kontakt -  außer zu Tottenham  - zu haben. Das war die Geschichte und wir mussten uns auf Organisationen einlassen, damit wir das wirklich verbessern, Und dann war klar, dass wir daran arbeiten müssen, alle anderen Abläufe eben auch zu verbessern, wie bespielt man einen tief stehenden Gegner …solche Dinge. Das ist natürlich wichtig. Wir haben ja nie Probleme gehabt, gegen diese Gegner zu spielen, wir haben ein Problem damit gehabt, die Ruhe zu bewahren und sie im richtigen Moment dann immer noch zu haben. Du hast einfach gesehen, dass die Körpersprache im Laufe eines Spiels nachgelassen hat. Wir hatten einen richtigen Plan gehabt. Gemacht, getan. Du kommst einfach nicht automatisch durch, du musst es immer wieder tun. Steter Tropfen höhlt dann den Stein, aber wir waren dazu noch nicht in der Lage. Und wenn es gelaufen ist und wir früh getroffen haben, dann haben wir sie weggeschossen. Gegen Hull letztes Jahr, glaube ich, oder Watford, ja, haben wir einen richtigen Riss gekriegt. Und dann fängst du an und der erste Ball ist nicht drin und der zweite auch nicht und der dritte auch noch nicht und der vierte auch noch nicht und dann werden die Leute unruhig. Da müssen wir uns als Verein immer noch brutalst weiterentwickeln, da ist noch ganz viel Spielraum. Dass wir da nicht unruhig werden. Die Mannschaft wird im Moment tatsächlich schneller besser in diesem Bereich, als die Zuschauer, weil wir eben täglich drüber sprechen und die Leute nur jede Woche dazukommen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Kürzlich haben wir 5:1 in Brighton gewonnen, aber die ersten 25 Minuten haben wir keine Torchance gehabt. Wir waren da. Und die haben auch keine gehabt. Aber das muss man einfach auch mal akzeptieren. Es ist nicht so, dass ich sagen würde, das waren meine 25 Lieblingsminuten in dem Spiel. Aber sie gehören dazu. Und diese Ruhe zu bewahren und dann im richtigen Moment, das Richtige zu entscheiden, das ist ein Entwicklungsschritt. Wir sind auf jeden Fall besser geworden in dem Bereich. Aber das war natürlich auch ziemlich notwendig.
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