Irgendwann, als Leon Goretzka erneut die Annahme missglückte und Kevin Trapp den Ball zum siebten Mal in Füße eines Brasilianers spielte, musst man auf der eisigen Olympiastadion-Tribüne unweigerlich an den gut abgehangene Spruch vom “zweiten Anzug” denken, der dem DFB-Team nicht gut zu Gesicht stand. In Wahrheit war es am Dienstagabend aber viel schlimmer, als es das Klischee beschrieb. Es wäre ja schon schön gewesen, wenn die von Bundestrainer Joachim Löws mit zahlreichen Perspektiv-Spielern/Reservisten aufgefüllte Elf überhaupt ein stimmiges Ensemble aus Jacke und Hose auf dem Rasen getragen hätte, kein bunt durcheinander gemischtes Outfit, das vorne und hinten nicht zusammen passte. Löw hatte angesichts von sieben Veränderungen in der Startelf gegenüber dem sehr ansehnlichen 1:1 gegen Spanien Abstimmungsschwierigkeiten durchaus einkalkuliert, doch so unzusammenhängend und spannungslos hatte der 58-Jährige die Nationalmannschaft im prestigeträchtigen Vergleich mit den Brasilianern auch nicht erwartet. “Bei uns lief heute wenig zusammen”, fasste er das Grauen lapidar zusammen. gemischten

Eine Casting Show auf dem Platz

Es war selbstverständlich nur ein Freundschaftsspiel; noch dazu eines, das von Löw zur Casting-Show umfunktioniert worden war. Kaum einer der Beteiligten konnte sich nachdrücklich für die Nominierung empfehlen, geschweige denn den Stammspielern den Rang streitig machen; der Konkurrenzdruck im Kader ist vielleicht doch nicht so hoch, wie gemeinhin angenommen. Löw ließ das alles demonstrativ kalt. “Mir bereitet eigentlich gar nichts Sorgen”, sagte er beinahe gelangweilt. Seine Erfahrung aus sechs Turnieren hat ihn gelehrt, dass sein Deutschland erst nach zwei Wochen Trainingslager zu Automatismen und Spielfreude findet. Gerade die jüngeren, neueren Spieler bräuchten diese Übungseinheiten, um sich an den DFB-Stil zu gewöhnen, gab er in Berlin zu Bedenken. Löw wird das Negativerlebnis dazu nutzen, seine Mannschaft zu mehr Ernsthaftigkeit, Einsatz und Demut zu ermahnen. Dass sich der eine oder andere hoffnungsfrohe Youngster bis zur heißen Phase der Vorbereitung Ende Mai erst einmal hinten anstellen muss, kommt dem Bundestrainer durchaus entgegen. So sehr er die breiten Möglichkeiten des Kaders schätzt, so wichtig sind für ihn auch Harmonie und Ergänzungsspieler, die ihre Rolle akzeptieren. gemischten

Löw wirds schon richten

Die Seleçao hat Löw auch einen zweiten Gefallen getan: der kühl und clever herausgepielte Sieg dämpfte die leicht überzogenen Erwartungen in der Öffentlichkeit. “Wir sind nicht der absolute Top-Favorit, das ist Quatsch”, sagte Toni Kroos am Dienstag. Wer wollte da widersprechen? Grundsätzlich muss man sich um die Wettbwerbsfähigkeit des Weltmeisters jedoch keine allzu großen Gedanken machen. Pünktlich zu Beginn des WM-Turniers in Russland dürfte Löw Personal und System so justiert haben, dass der Sieger von 2014 dem Anspruch der Titelverteidigung gerecht werden kann. Er hat in den vergangen Jahren schon aus weitaus weniger talentierten Enseblemes funktionierende Kollektive geschaffen. In Bestbesetzung bleibt die DFB-Elf auch nach der erschreckend schwachen Vorstellung in der Haupstadt im engeren Kreis der Kandidaten für den Turniersieg; gerade weil sie mehr denn je weiß, dass der Weg ins Finale von Moskau mit sehr viel Arbeit verbunden ist. Man fährt, um im modischen Bild zu bleiben, nicht im perfekt sitzenden Maßanzug zu einer Weltmeisterschaft, sondern in einem luftigen Trainingsanzug, in den man im Laufe des Sommers erst noch richtig hineinwächst.
Quoten unterliegen Änderungen.

An der Diskussion teilnehmen