Am heutigen Freitag werden Joachim Löw und sein Trainerteam in Frankfurt die ersten vorläufigen Ergebnisse ihrer WM-Analyse vorstellen, die vollständige Aufarbeitung des Vorrunden-Aus in Russland soll dann am 24. August vorgelegt werden. Der für den Bundestrainer sicherlich nicht angenehme Vorgang markiert einen im Spitzenfußball einzigartigen Versuch der Auto-Analyse und Selbsthilfe: die Verantwortlichen sollen ihre eigene Versäumnisse und Fehleinschätzungen eigenständig eruieren, öffentlich benennen und Veränderungen herbeiführen. Löw, der nach dem WM-Gewinn 2014 für den Geschmack einiger DFB-Mitarbeiter den irdischen Gefilden ein wenig entschwebt war und sich in einem Kicker-Interview vor wenigen Wochen als “Visionär” bezeichnete, muss nun, ähnlich einem ungezogenen Schüler, einen Aufsatz über das eigene Betragen verfassen. Das ist der Preis, den der 58-Jährige dafür zahlt, dass er nach der historischen Schmach weiter im Amt bleibt. Zudem wird er wohl den einen oder anderen Begleiter aus der zweiten oder dritten Reihe austauschen, um zu demonstrieren, dass der vielzitierte Neuanfang mehr als ein PR-Schlagwort ist. Frische, vielleicht auch mal unbequeme Impulse aus dem Rückraum würden dem etwas zu routiniert und selbstzufrieden gewordenen Konstrukt Nationalmannschaft im Übrigen ebenso gut tun wie die dringend benötigte Entschlackung im Bereich Marketing. Am spannendsten aber sind die Themen Mannschaftsführung und Spielstrategie. Philipp Lahm empfahl seinem Ex-Coach dessen “kollegialen Führungsstil” zu überdenken, da der neuen Generation as Bewusstsein für das kollektive Wohl abgehe. In der Tat hat sich durch die rasante Globalisierung des Internationalen Fußballs die Herausforderung für den Bundestrainer verändert. Aufstrebende Talente wechseln deutlich früher zu nationalen oder ausländischen Topvereinen, und werden so zwangsläufig früher zu Großverdienern. Die kausale Kette zwischen gemeinschaftlichem Erfolg in der Nationalmannschaft und dem individuellen beruflichen Werdegang von Jungprofis ist nun auch in Deutschland gesprengt. Löw wird mit seinen fast 60 Jahren nicht mehr zum Felix Magath werden. Wichtiger als eine harte Hand im Umgang mit den Spielern der Zwanziger Jahre ist eine Rückbesinnung auf die persönliche Verantwortung für die Gruppe, unterstützt durch schärfere Sanktionen für Ego-Touren. Was 2014 ganz oben auf der Tagesordnung stand, wurde 2018 schlichtweg versäumt; auch weil Löw mit seinen Stammplatzgarantien für die Helden von Brasilien das Leistungsprinzip aushebelte und damit die Idee der Mannschaft als einzig relevante Instanz unbewusst konterkarierte. Dieser Fehler wird sich korrigieren lassen, mit Löw dürfte darüberhinaus nach dem Desaster dieses Sommers auch so mancher Spieler wieder mehr Boden unter den Füßen spüren. Die im Vorfeld des Turniers spürbare Überheblichkeit, die eklatant von oben nach unten abstrahlte, muss zwangsläufig einem Schuss Demut weichen. Inwieweit Löws Deutschland, wie hier und da zu lesen, in taktischer Hinsicht von den Erfolgen Frankreichs, Englands, Belgiens oder Kroatiens in Russland lernen muss, ist dagegen schwieriger zu beantworten. Kombinations-Fußball, das zeigen nicht zuletzt die Erfolge der über Jahre hinweg erfolgreichsten Vereinsmannschaften Europas, bleibt die beste aber eben auch schwierigste Variante, um Raum und Gegner zu dominieren und echte Torchancen zu erspielen. Löws Team - und Spanien - scheiterte nicht an einer vermeintlich überholten Spielidee, sondern der stümperhaften Umsetzung. Deutschland hatte auf Grund seiner enorm hoch positionierten Außenverteidiger und offensiven Mittelfeldspieler zwar viele Anspielmöglichkeiten und Platz, die Angriffe aufzubauen, zugleich aber wenig Chancen, im letzten Drittel Tempo aufzunehmen. Dafür gab es schlichtweg keinen Platz. Das Positionsspiel blieb so statisch und litt unter zu wenigen Verlagerungen: Toni Kroos war in der Zentrale bis auf ein paar wenige Minuten gegen Schweden, als Sebastian Rudy einen passsicheren Sechsen gab, im Bälleverteilen auf sich alleine gestellt. Ganz abgesehen davon, dass Deutschlands Restverteidigung nach Fehlpässen einen erbärmlichen Anblick bot, da die offensiven Spieler nicht schnell und energisch genug umschalteten, war Löws Hauptproblem, dass er seinem auf Ball-Kontrolle fußenden System letztlich selbst nicht undertprozentig vertraute. Gegen Mexiko und Südkorea stellte er den Box-to-box-Spezialisten Sami Khedira in die Startelf, der mit seinen nur selten zielführenden Vorstößen das Mittelfeld aushöhlte. Der Ball lief noch weniger gut, als Löw im dritten Spiel einen zweiten Renner, Leon Goretzka, auf die rechte Außenbahn beförderte. Diese übervorsichtige Maßnahme wurde zur Halbzeit wieder kassiert, hatte da aber bereits schon genügend Schaden angerichtet. Head coach Joachim Loew of Germany talks to the media Sich wie im erfolgreichen Confed Cup auf Umschaltmomente zu konzentrieren ist gerade gegen kleinere Gegner in der EM-Qualifikation keine wirksame Methode. Sie würde auch dem Spielermaterial nicht gerecht werden. Löw, der in der Vergangenheit schon oft weitaus pragmatischer agierte, als es sein Ruf als unverbesserlicher Fußballästhet vermuten ließ, muss sich also keineswegs neu erfinden, sondern nur deutlich gewissenhafter an den Details feilen. Ein bisschen mehr Feuer und Bescheidenheit als zuletzt, sowie ein paar neue Inspirationen aus seinem Stab werden dabei helfen.
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