Joachim Löw erinnerte sich vor dem wichtigsten unwichtigen Spiel seiner Amtszeit offensichtlich an den großen Fußball-Philosoph der Nuller Jahre, Jens Jeremies. “Wenn es nicht gut läuft, muss man gut stehen” hatte der ehemalige Münchner Wadenbeißer einst verkündet. Gemäß dieser altdeutschen Maxime verzichtete der Nationaltrainer zu Gunsten einer Vierer-Kette aus Innenverteidigern auf neuen Elan nach vorne. Mit Joshua Kimmich auf der Sechser-Position mutete das Defensiv-Konstrukt bewusst wie eine Rückkehr zur Weltmeisterschaft in Brasilien an. Vor gut vier Jahren war Löws Team ebenfalls mit einem “Ochsenspieß” in der letzten Reihe und einem vom Rechtsverteidiger zum Staubsauger umfunktionierten dritten Mittelfeldspieler (damals Philipp Lahm) ins Turnier gestartet.  

Konservative Raumaufteilung und Offensivbemühungen

2014 hatte die Analyse der DFB-Scouting-Abteilung ergeben, dass Rückstände aufgrund der schwierigen äußeren Bedingungen des Turniers unter allen Umständen zu vermeiden werden müssten. Löws Furcht vor einem frühen K.o. des Neuanfangs war groß genug, seine ureigene Idee von Kombinationsfußball in der gegnerischen Hälfte dem Sicherheitsdenken zu opfern. “Wir haben uns dazu entschieden, dass die Null stehen muss”, sagte Thomas Müller, während Mats Hummels Außenverteidiger lobte, “deren Priorität auf der Abwehr lag.” Weltmeister-System Die konservativere Raumaufteilung brachte gegen die nur streckenweise motiviert wirkenden Weltmeister sofort mehr Kontrolle, ging aber wie erwartet auf Kosten der Offensivbemühungen. Müller, Marco Reus und Timo Werner fehlte die Unterstützung auf den Außenbahnen, bis zum Seitenwechsel kam es so kaum zu Überzahlsituationen. Erst in der zweiten Hälfte traute sich die DFB-Elf ein wenig stärker aus der Deckung. Sie kam zu einigen Chancen, konnte diese jedoch nicht nutzen. Mit der Nullnummer ließ es sich am Ende für alle Beteiligten gut leben.  

Der unterschätzte Özil

Löws Primärziel, eine Blamage zu verhindern, wurde erreicht. Wie aber eine besser ausbalancierte Mannschaft zukünftig aussehen soll, bleibt ein wenig rätselhaft. Deutschland, das wurde am Freitag ein weiteres Mal offensichtlich, hat nicht die richtigen Spielertypen, um ein wirksames Konterspiel aufzuziehen. Noch nicht. Leroy Sané könnte von seinen Anlagen her in diese Rolle hineinwachsen. Doch momentan hat der Manchester-City-Spieler keine Chance an Müller und Reus vorbei zu kommen. Beide bevorzugen ein kleinteiligeres Spiel, in das der Umschaltstürmer Werner wiederum ansatzweise eingebunden wirkt. Ohne Mesut Özil, den gemeinhin unterschätzten Empfänger und Passgeber zwischen den Linien fehlen dem deutschen Angriff die Referenzpunkte; besonders wenn die Außenverteidiger nur brav das eigene Tor bewachen.  

Die Bettdecke ist zu kurz!

Weltmeister-System Der spanische Trainer Rafael Benítez verglich einen austarierten Kader einmal mit einer zu kurzen Bettdecke: “Wenn man einer Stelle zieht, hat man an anderer Stelle kalte Füße.” Diesem Dilemma sieht sich auch Löw konfrontiert. Er kann seine Außenverteidiger gegen bessere Gegner nur nach vorne beordern, wenn ein defensiver Mittelfeldspieler den Raum vor den Innenverteidigern besetzt. Joshua Kimmich, der dafür best-geeignete Kandidat, würde dann aber als einziger Außenverteidger von internationalem Format auf der rechten Seite fehlen, und dem offensiven Mittelfeld nicht jene Impulse liefern, ohne die es bisweilen behäbig wirkt. Kimmich, der sich mit gutem Recht immer gegen Vergleiche mit seinem Vorgänger in Verein und Nationalmannschaft verwehrt hat, ist nach Spiel eins der WM-Wiedergutmachungs-Ära für Löw unverzichtbar geworden. Wie Lahm wird er im Grunde gleich doppelt gebraucht: als Mann der Deutschlands Spiel laufen lässt und gleichzeitig gut steht.  
Quoten unterliegen Änderungen.

An der Diskussion teilnehmen