Leroy Sanés Pressekonferenz-Auftritt in Berlin am Mittwoch hatte fast schon Seltenheitswert: der 22-Jährige kam als einer der wenigen DFB-Profis nicht im persönlichen oder mannschaftlichen Krisenmodus zur Nationalelf. Manchester Citys Flügelstürmer startete zwar recht behäbig in die Saison und wurde von Pep Guardiola beim 2:1-Sieg über Newcastle United wegen schwachen Trainingsleistungen nicht berücksichtigt, gehörte aber in den vergangenen Wochen wieder zum Stammpersonal des englischen Tabellenführers. Seine persönliche Performance-Werte sind, auf 90 Minuten hochgerechnet, im Vergleich zur enorm starken Vorsaison derzeit sogar leicht verbessert. (https://understat.com/player/337)  

Übermütiger Einzelgänger oder frischer Wind?

Mit seinem jugendlichen Schwung, seiner Geschwindigkeit und der Fähigkeit, in Eins-gegen-Eins-Situationen zu bestehen, zeichnen Sané all jene Dinge aus, die den Ex-Weltmeistern bei der WM in Russland so schmerzlich fehlten. Eigentlich müsste er das Gesicht der Zukunft sein, doch dafür wirkt die jüngste Vergangenheit wohl zu schwer. Wie die Fragen der Reporter zeigten, spielt er gefühlt weiter auf Bewährung im Joachim Löws Team  - und gegen seinen Ruf als leicht übermütiger Einzelgänger. Mitspieler Toni Kroos hatte sich im Vormonat kritisch über Sanés laxe Körpersprache und Einstellung ausgelassen, der Real-Madrid-Mittelfeldspieler bestätigte damit indirekt die These, wonach das Talent nicht nut Grund des Überangebots auf den offensiven Positionen von Bundestrainer Joachim Löw nicht in den WM-Kader berufen wurde. Sané entgegnete nun glaubhaft, Kritik mache ihm nichts aus, er fühle sich durch sie angespornt. Aber war diese Reaktion nicht auch schon wieder eine Spur zu entspannt? In seinen bisherigen dreizehn Einsätzen in der Nationalmannschaft konnte er nur in ganz wenigen Szenen den Eindruck erwecken, das ihm unter allen Umständen die Zukunft auf der Außenbahn gehört. Seine Vorführungen waren ebenso durchschnittlich wie die Ergebnisse - fünf Siege, drei Unentschieden, fünf Niederlagen. Für Löw, der mannschaftliche Geschlossenheit und Sozial-Harmonie als höchste Güter erachtet, erschien der Verzicht ob Sanés dürftigen Leistungen und kleinen Verhaltensauffälligkeiten im Sommer logisch.  

Ein doppelter Neuanfang

Deutschlands dramatische Probleme, sein Ballbesitz-Spiel in Russland mit Kombinationen und überraschenden Bewegungen im letzten Drittel zu Ende zu spielen, stärken nun aber automatisch die Stellung des City-Spielers, allen Bedenken zum Trotz. Eine Nationalelf, die mit einem defensiven Mittelfeldspieler (Joshua Kimmich) und zwei eher aufs Toreverhindern spezialisierten Außenverteidigern (Matthias Ginter, Jonas Hector) in die torentscheidenden Nations-League-Partien gegen die Niederlande und Frankreich geht, muss zwangsläufig mehr vom Umschaltmoment leben. Sanés Tempo und Direktheit werden so zu wichtigen Faktoren in Löws modifizierten Plänen. Für den Bundestrainer und den bisher verhinderten Kronprinzen des deutschen Angriffsspiels bietet diese Woche die günstige Gelegenheit, einen doppelten Neuanfang zu starten. Löws Team und Sané müssen atmosphärisch und taktisch endlich zu einander finden, um die leicht überreif wirkende Nationalelf angemessen zu beschleunigen.
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