Ohne VAR hätte das Champions-League-Viertelfinale zwischen Manchester City und Tottenham den falschen Sieger gefunden Das Hilfsmittel funktioniert viel besser, als sich Kritiker eingestehen Das Argument, VAR würde die Emotionen kaputt machen, zieht nicht   Eines der bewegendsten Spiele der jüngeren Europapokal-Geschichte endete mit der Beglückwünschung des siegreichen Trainers (Mauricio Pochettino) durch seinen unterlegenen Kollegen (Pep Guardiola) und dem schönen Satz: “Abseits ist Abseits”. Dieser angenehm unaufgeregte Nachgang einer mittleren Sensation veredelte den atemraubenden Abend zum strahlenden Ideal: So soll Fußball sein. Die nicht ganz so gute, teure Mannschaft darf gerne mal gewinnen und der trotzdem immer noch beste Coach Europas darf hinterher aufrichtig gratulieren. VAR Entscheidung Der in der laufenden Saison erstmals in der Champions League eingesetzte Videoschiedsrichter  (VAR) hatte einen großen Anteil an dem rauschenden, letztlich aber völlig friedfertigen Spektakel. Ohne diese technische Hilfsmöglichkeit wäre die Partie zwischen Man City und Tottenham auf Grund eines klaren Schiedsrichterfehlers entschieden worden. Pochettino hätte Guardiola möglicherweise dennoch gratuliert und die falsche Entscheidung als bedauerliches Missgeschick abgetan, aber es ist nicht auszuschließen, dass der Argentinier nach Studium der Fernsehbilder zu einer bitterbösen Tirade gegen die Offiziellen angesetzt hätte. So oder so hätte dieser unbefriedigende Ausgang bei vielen neutralen Zuschauern und vor allem bei den traurigen Anhängern der Spurs die Frage aufgeworfen, warum der populärste Sport der Welt nicht in der Lage ist, derart offensichtliche Ungerechtigkeiten zu beheben.   Falsche Abseitstore wird es auf Sicht nie mehr geben Bei der WM in Russland fiel dank VAR kein einziges irreguläres Abseits-Tor und kein einziges reguläres Tor wurde wegen einer fälschlichen Fahne aberkannt. Auch in der Champions League und den nationalen Ligen werden Abseitsfehler auf Sicht aussterben. In zehn Jahren dürfte das Verfahren auf Top-Niveau vollkommen automatisiert sein, Computer werden die Situation dann quasi in Echtzeit berechnen, ähnlich wie bei der Torlinientechnologie. Kein Mensch würde heute auf die Idee kommen, zu behaupten, das vor knapp drei Jahren in der Bundesliga eingeführte Hilfsmittel habe dem Fußball die großen Gefühle oder lustvollen Debatten gestohlen. Juventus vs. Ajax - UEFA Champions League Die Spieler haben längst verstanden, dass es bereits keinen Sinn mehr macht, nach engen Abseits-Entscheidungen auf den Mann an der Seitenlinie einzuschreien. Sie fügen sich wie die überwiegende Mehrheit der Trainer dem objektiven Urteil aus dem Videoraum. Dieser zivilisatorische Fortschritt ist einer der zahlreichen positiven Effekte, die Kritiker des Videobeweises mit Verweis auf die angeblich emotionsfeindliche Wirkung des VAR verkennen. Mit dieser Neuerung verhält es sich nicht viel anders, als mit anderen technologischen Errungenschaften: es liegt in der Natur des Menschen, sich blitzschnell an die gewaltigen Vorzüge zu gewöhnen und sich dafür über Gebühr über die kleinere, reale oder nur imaginäre Mangelhaftigkeit aufzuregen. Im Jahre 2019 gilt der sekundenschnelle, beinahe kostenlose Zugriff auf unermessliches, über Jahrhunderte angehäufte Wissen als Selbstverständlichkeit. Aber wehe, der Internetzugang fällt für zwanzig Minuten aus.   Auch Außenseiter profitieren vom Videobeweis - nicht nur die Besten  VAR befindet sich, um Bild zu bleiben, noch in der Dial-Up-Phase. Entscheidungen dauern mitunter noch zu lange. Es gibt keinen vernünftigen Grund, den Zuschauern in den Stadien die entscheidenen Bilder vorzuenthalten und die Männern an den Bildschirmen sollten sich bei Auslegungsfragen wirklich nur dann einschalten, wenn gemäß des Protokolls ein klarer, offensichtlicher Fehler in der Beurteilung durch den Feldschiedsrichter vorliegt. Komplexe Situationen wie die Interpretation von Handspiel werden durch VAR nicht weniger komplex, allerdings erhöht die Möglichkeit, die Szenen wiederholt anzusehen, die Wahrscheinlichkeit, dass der Schiedsrichter die richtige Entscheidung trifft. Die Befürchtung, dass die Technik die Bedeutung des Zufalls und somit auch die Siegchance für Außenseiter minimieren könnte, hat sich ebenfalls nicht bewahrheitet. Wie der Elfmeter für Manchester United in Paris oder das aberkannte Tor von Raheem Sterling am Mittwoch zeigen, gibt die Videoeinsicht den Offiziellen die Sicherheit, in äußerst kniffligen Situationen gegen die Kulisse und die spielerisch stärkere Mannschaft zu entscheiden. Was bleibt, sind die Klagen über das Ende der unmittelbaren Torfreude. Doch das ist ein zutiefst selektives Argument. VAR macht den Zuschauern die ekstatischen Momente nicht nur streitig, er gibt sie ihnen auch  - sei es nach einer falschen Abseitsfahne wie im Fall von Sadio Mané in Porto oder nach einem übersehenen Foul im Strafraum. Schon kleine Kinder lernen im Stadion, in gewissen Situationen erst auf den Linienrichter zu schauen, bevor sie losbrüllen. Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass diese Verzögerung den Genuss nur unwesentlich schmälert. Am Mittwoch tauschte VAR den unberechtigten Jubel der einen gegen die berechtigte Freude der anderen ein. Dem Fußball wurde dadurch nichts weggenommen. Im Gegenteil: VAR sorgte am Mittwoch dafür, dass das noch viel stärkere Glücksgefühl, weiter im Wettbewerb um einen unsterblichen Erfolg dabei zu sein, an verdienter Stelle weiterlebt.  
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